Leseprobe:
Kondenswasser kroch das Fenster hinab. Finger folgten einem der Tropfen und ließen das Gebilde platzen. Arkady spürte das warme Nass auf seiner Haut und benetzte seine Lippen.
„Warum starrst du so?“
Reglos kauerte sie auf einem Stuhl. Ihr Geruch füllte den Raum, ihr verschwitztes Gesicht war Arkady abgewandt. Schweißtropfen schoben sich an ihrer Schläfe voran, den Tropfen auf dem Fenster gleich. Die Hitze war allgegenwärtig, hatte Mensch und Ding im Griff.
Furcht erfüllte die Frau, besaß sie doch keine Antwort, die sie hätte geben können. Sie starrte nicht, nicht auf ihn. Ihr Blick war zu Boden gerichtet. Ihre Augen versuchten ein Loch zu graben, durch das sie entschwinden könnte.
„Warum starrst du mich so an?“
Arkady liebte es, Menschen zu verhören. Ihre Schuld oder Unschuld war bedeutungslos. Angst getrieben kauerten sie ihm gegenüber. Ein jeder von ihnen hatte ein Gedächtnis und ein Gewissen. Irgendwann in ihrem Leben hatten sie alle etwas getan, für das sie sich schämten und das sie ungeschehen wünschten.
Hier in diesem Raum kamen die Erinnerungen hoch, die Schuld und die Angst, für etwas Vergangenes büßen zu müssen. Nur deshalb gab es dieses Zimmer. Druck auf Verdächtige wurde hier nicht ausgeübt, sie übten ihn selbst aus und ihre fragenden Blicke kreisten dabei nur um einen Gedanken:
„Er weiß es. Er weiß, was ich getan habe.“
Zwei elliptische, dunkle Ränder glänzten im Kunstlicht. Sie zierten den teuren Stoff, ihrer Bluse.
“Warum hast du es getan?”
Er wusste Bescheid.
Ihr Körper begann zu zittern. Das Ziel war nahe, gleich würde sie aufgeben. Eine Rechtfertigung würde ihr Geständnis einleiten. Es war immer so. Arkady genoss den Moment, in dem sich die Menschen öffneten, sich ihm anvertrauten und aufgaben.
Ihre Lippen formten Worte. Wut über eine andere Frau, über rasende Eifersucht, verletzte Gefühle, verratene Liebe und Rache. Rechtfertigungen, nichts weiter als das Betteln nach Verständnis für eine Tat, die ein Leben beendet hatte.
Die hervor gewürgten Worthülsen drangen nicht mehr zu ihm vor. Nicht die Gerechtigkeit war bedeutsam, nur der Triumph zählte. Was bedeuteten Wahrheit und Gerechtigkeit gegen den Rausch der Macht?
Arkady liebte seinen Beruf.
„Was wird aus mir?“
Ihre Stimme zitterte. Ihr Blick bettelte um ein Wort der Hoffnung. Arkady hatte keines für sie. Ihre Beziehung war beendet.
*
Die Kollegen begegneten ihm mit stummen Respekt und offener Abneigung. Arkady achtete nicht auf sie, warum auch. Sie starrten ihm nach, kaum das er an ihnen vorüber gegangen war. Sie fragten sich, was an diesem hageren Mann mit dem zerfurchten Gesicht besonders war. Sie mochten ihn nicht, keiner hier konnte Arkady leiden.
„Gleich geht ihm einer ab.“
Es war nur ein Flüstern im Raum.
Arkady verließ das Gebäude, trug seinen Triumph nach draußen. Das Geständnis der Frau glich einer Trophäe, die er mit nach Hause nehmen konnte.
Die Luft knisterte, dann entlud sich das Sommergewitter. Eine junge Frauenstimme hatte es im Radio vorher gesagt und hatte Recht behalten. Weiße Blitze zuckten am Himmel, der Donner übertönte das Trappeln von Schuhen. Die Menschen flohen vor dem einsetzenden Schauer. Lemmingen gleich drängten sie an Arkady vorbei und erst langsam, dann immer schneller, folgte er ihnen.
*
Regentropfen trommelten, schlugen schnell und hart auf dem Plexiglasdach auf. Einen Schirm zum Schild erhoben und gegen den Himmel gerichtet, verließ sie das Haus.
Wasser tanzte zwischen ihren Pumps.
Lange, schmale Beine lugten aus einer kurzen Hose und versuchten vor den Regentropfen zu fliehen, die vom Boden sprangen und die Strumpfhose tränkten. Ein Blick auf die Uhr verriet eine Eile, die unbegründet war, denn das Gewitter verlangsamte das Leben der Menschen. Sie alle warteten und hofften, einem kollektiven Geist verpflichtet, der Schauer möge enden.
Die junge Frau war verliebt. Niemand würde je davon erfahren. Ihr Jäger nicht und nicht die Polizisten, die sich nach Sonnenaufgang um ihre Leiche scharren würden.
*
Pate und Zeuge zugleich schien der Mond auf ihn hinab. Er löste sich aus dem Dunkeln einer Mauer, um neugierig dem blonden, sich bewegenden Haar der jungen Frau zu folgen. Der Zufall hatte ein Geschenk überbracht und er war gewillt, die Gabe nicht zurück zu weisen.
Es war so leicht, sich zu nähern. Er hörte sie Luft schöpfen und glich seinen Atemrhythmus dem ihren an. Es erregte ihn, gleichzeitig in perfekter Harmonie mit ihr den Sauerstoff in den Körper zu saugen, zu verwerten, auszustoßen.
Er war glücklich und aufgeregt, der Erfüllung so nah. Zum Greifen war sie und er streckte die Hand aus, um ihr Haar zu fassen. Seine Finger öffneten sich, schlossen sie sich um den Stickstoff, den sie vor Sekunden ausgeatmet hatte. Seine Faust versuchte einen Teil von ihr fassen und für immer fest halten.
Hatte er jemals eine Frau an sich binden können? Sie liebten ihn nicht, mochten ihn nicht einmal. Sie missachteten ihn, sahen weg, wenn sie ihm begegneten. Frauen waren für ihn zum Innbegriff für Demütigung und Verachtung geworden. Zu oft war es geschehen. Die Gedanken rasten in seinem Kopf. Alle schrieen durcheinander, verstummten nur in freudiger Erwartung auf Aufmerksamkeit, Beachtung, Erfüllung. In stummer Konzentration warteten sie darauf.
Er öffnete die Hand und seine Finger folgten dem Spiel des Windes, der die blonden Haare auf und abwehte, einem Dirigenten gleich, der sein Orchester leitete.
„Lass deine scharfe Sichel schneiden und bring die Ernte ein.“
Sie hörte sein Flüstern nicht. Keine Gefahr, keine Eile bestand. Der Regen war ein Freund. Er lärmte, um ihn glücklich zu machen. Bald würde er glücklich sein und ihr Haar zwischen seinen Fingern reiben.
Sie trat in eine Pfütze. Wasser spritzte auf.
„Die Stunde für die Ernte ist gekommen, die Ernte ist reif.“
Er zog seine Waffe und der Regen klatschte Beifall. Das Messer war lang, schmal, spiegelte die Gliedmaßen seines Opfers wider.
„Tritt her! Ich werde dir zeigen, wie die große Hure bestraft wird.“
Sie bemerkte ihn zu spät. Seine Klinge drang in ihr Fleisch. Täter und Opfer verharrten. In ihren Augen erkannte er Schmerz, Schock. Sein Gesicht schob sich über das ihre und sie zeigte Erstaunen. Ein neugieriges Gesicht war es, in das sie starrte, bevor sie stürzte und ihr Blut sich mit der Pfütze verband.
Freundlich sah er auf sie hinab. Er blieb bei ihr, wachte über sie, begleitete ihr Sterben.
Das letzte, das sie im Leben sah war sein Lächeln.
*
Der Regen endete, wie er begonnen hatte: abrupt. Die Luft war ein wenig abgekühlt und erleichterte das Atmen. Arkady hoffte, auf das Ende der Hitzeglocke, die schon so lange über der Stadt lag. Er fühlte sich befreit. Druck und Anspannung waren verschwunden. Ein Gefühl von Leichtigkeit brandete in ihm auf, alles würde ihm jetzt gelingen. Die Kuppen seiner Finger prickelten, sein Herz schlug im Adrenalinrausch, seine Wangen waren gerötet. Die Erinnerung an die Frau erregte ihn.
Es war schön gewesen.
Arkady rannte, setzte seine pulsierende Energie in Bewegung um. Häuser, die schon Generationen überdauert hatten, zogen in Bewegungsunschärfe an ihm vorbei. Gebeugt von Verfall warteten sie darauf abgerissen oder erneuert zu werden. Wie eine alte schrumpelige Frau, die das Alter mit Make Up zu überdecken versuchte, wirkten die Häuser auf ihn.
Andere Gebäude strahlten im neuen Glanz ihrer restaurierten Fassaden und bezeugten den Reichtum zahlreicher Menschen, die in dieser Stadt lebten. Es bestand noch Hoffnung auf Erneuerung. Viele Politiker wünschten die verfallenen Gebäude und die Menschen darin zum Teufel, hofften auf Investoren, die die Stadt in einen Phoenix verwandeln würden, der aus der eigenen Asche empor stieg.
Um den Park waren erste Anfänge zu sehen. Die neuen Fassaden gefielen ihm nicht. Arkady war ein konservativer Mann. Dies war nicht mehr das Viertel seiner Kindheit. Mäßigung hatte damals geherrscht, das Alte war noch von Wert gewesen.
Er sog die Luft in seine kurzatmigen Lungen. Sein Körper war noch gut in Form, der kleine Bauchansatz zeugte mehr von müdem Gewebe, denn von Fett.
Im Park hielt er inne. Nasse Bäume, voll gesogene Blätter, Wasser, das auf Gras perlte. Der Duft der Pflanzen überwältigte Arkady. Es war immer so, wenn er hier war, heute war es stärker. Ob es am Regen lag oder an der Begegnung mit der Frau, die seine Sinne geschärft hatte, wusste er nicht.
Hier im Park, fühlte sich Arkady frei. Die Nacht war längst zum neuen Tag geworden, ohne dass die Sonne sich aufgemacht hätte, die Dunkelheit zu vertreiben.
Auf einer Bank wartete er auf das Licht.