Leise rieselt der Schnee
- Weihnachtssatire/Roman
Leseprobe:
Mein Vater köpft den Weihnachtsbaum. "So geht er einfacher durch die Tür", höre ich ihn sagen. Papa versteht Weihnachten einfach nicht. Ich schon. Ich starre auf die Lücke, die der Baum im Wohnzimmer hinterlässt, und vermisse Weihnachten schon jetzt. Die bunten Kugeln am Baum, der Duft der Tannennadeln, die Kerzen und wenn ich von Kerzen rede, meine ich echte Kerzen. Die aus Wachs, die nach Honig duften und manchmal die Bude abbrennen. Kinderromantik eben.
 
Warum ist Weihnachten nur immer so schnell vorbei? Mit dem ersten Advent geht es los, wenn sich das erste Törchen im Adventskalender öffnet und die Schokolade heraus auf den Teppich fällt. Der Countdown läuft und Stück für Stück fällt die Schokolade zu Boden. In jedem Kinderzimmer. Überall. Wir Kinder sind vorausschauend, denn wir öffnen die Törchen schon früher, als wir eigentlich sollten. So wird die Wartezeit bis Weihnachten kürzer, die Tage verfliegen, doch irgendwann ist der Adventskalender leer und Weihnachten noch in weiter Ferne. Weitere Probleme tauchen auf. Tagelang plage ich mich, überlege mir, was ich zum Fest geschenkt bekommen werde. Geld ist nie schlecht, denn Geld ist die Universalwährung für Geschenke, die man sich selbst macht und das sind meist die Besten. Wie oft habe ich mich schon gefragt, ob ich ein Fremder für meine Familie und Freunde bin, denn sie schenken immer das Falsche. Dabei ist Schenken so einfach. Man muss nur Geld aus dem Geldbeutel nehmen und in buntes Geschenkpapier verpacken. Fertig. Geldgeschenke sind einfach cool.
 
Dann endlich ist es so weit. Die Weihnachtsgans lässt ihr Leben, man hackt ihr den Kopf ab und schlitzt ihr den Bauch auf. Alles Lebensnotwendige wird auf den Müll geworfen. Ihre hohle, sterbliche Hülle wird in Plastikfolie verschweißt und eingefroren. Zu einem Klumpen Eis geworden, wird die Gans von meiner Mutter im Supermarkt gekauft. Ich beobachte Mama dabei, betrachte ihr Gesicht und ihre Hände, die schnell blau werden von der körperlichen Kälte, die der Kadaver des Vogels abstrahlt. Kalt und blass, fast wie eine menschliche Leiche, so denke ich mir und erinnere mich an den Horrorfilm, den ich heimlich gestern Nacht im Privatfernsehen geguckt habe. Tote, Nackte und Psychopathen. Fernsehen ist toll und lässt Kinderherzen höher schlagen.
 
Endlich Ferien, der 23.12. ist erreicht. Kommentarlos gebe ich mein Zeugnis meinen Eltern und verdrücke mich in mein Zimmer. Schweigen herrscht im Haus und ich weiß, dass ich mal wieder einen guten Job gemacht habe. Und tatsächlich, meine Eltern sind beeindruckt. Hohe Zensuren zu erreichen ist schließlich nicht einfach, denke ich, während ich in meinem Bett den Comic über das Monster aus dem Sumpf lese.
 
Während ich die Seiten umblättere, fühle ich mich beobachtet. Langsam drehe ich mich um. Rudolph das Rentier starrt mich vom Adventskalender an. Es ist ein provozierender Blick, der mich dazu bringt, aufzustehen und zu Rudolph zu gehen. Ich mache das Törchen über seiner roten Nase auf. Es ist leer. Ich habe es geahnt und beschließe, im nächsten Jahr mehr Selbstdisziplin zu üben. Weihnachten kann so grausam sein, denke ich, als ich zu meinem Bett zurück trotte und mich wieder dem Sumpfmonster widme. Über meiner Lektüre schlafe ich ein. Monster sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
 
In der Küche begegne ich dem Torso der Gans wieder. Meine Mutter macht sich an der Leiche zu schaffen. Sie füllt neue Organe aus Knödelmasse und Kastanien in den Bauch des toten Fliegers. Nekrophil, denke ich und starre auf einen Federkiel, der aus der Haut des gerupften Vogels aufragt. Wie ein einzelnes Haar auf der Glatze eines Mannes erhebt sich der Kiel vom kahlen Fleisch.
 
Die nackte Gans zieht meinen Blick magisch an. Ihre Haut ist schwabbelig und weich geworden, so wird mir klar, als sich mein Zeigefinger in ihr Bindegewebe bohrt. Eine Delle erscheint. Tolle Sache finde ich, packe das Bein des Tieres, spreize es und lasse es los. Das Bein schnalzt zurück und macht ein lustiges Geräusch. Ich muss lachen, meine Mutter nicht und ich frage mich, wann es im Leben eines Menschen so weit kommt, dass er den Humor verliert. Vielleicht ist es besser jung zu sterben? Doch als ich den Halsstumpf der Gans betrachte, wo einst mal ein langer Hals thronte, verneine ich den Gedanken wieder und meine Mutter verscheucht mich aus der Küche.
Es ist soweit. Mit frisch geschrubbten Händen sitzt unsere Familie am Esstisch. Ich habe ein Stück Vogelbrust auf dem Teller. Faseriges Fleisch, das meine Zahnzwischenräume auffüllt. "Oh, wie ich das hasse", erinnere ich mich spontan an meinen Zahnarzt, der mir dies schon vor Jahren geweissagt hat, als ich keine Zahnspange mehr tragen wollte. Womöglich war der Mann gar kein Sadist. Womöglich war er ein Prophet. Ich habe ihm wohl unrecht getan, so wird mir klar, während ich stoisch auf der Gans herumkaue und schließlich ein Stück ihrer abnehmenden physischen Präsenz hinunter schlucke.
 
Mutter hat Wunder gewirkt. Aus der Zellulitis der Gans wurde eine knackige Sonnenbräune. Die Haut des Tieres kracht unter meinen Zähnen. So mag ich Geflügel. Wie Chips muss es schmecken, knusprig und fettig. Ich schlinge mein Essen hinunter und durchlebe wie jedes Jahr die Weihnachtsroutine im trauten Kreis der Familie. Nach dem Essen folgt das Weihnachtslieder-Singen. Schräge Töne aus den Mündern meiner Eltern dringen an mein Ohr. Hier zählt nur Lautstärke, so wird mir schlagartig klar. Endlich verstummen meine Eltern und sehen fragend zu mir. Ich schließe kategorisch aus, ein Weihnachtslied auf der Blockflöte zum Besten zu geben. Mit einem Lächeln versuchen meine Eltern ihre Enttäuschung zu verbergen.  Unterdessen zähle ich die Zahl meiner Geschenke. Meine Augen versuchen das Geschenkpapier zu röntgen und in Gedanken entblättere ich die Präsente. Hoffentlich ist was Gescheites drin. Ich sehe zu meinen Eltern. Es ist ein bettelnder, fragender und sehnsüchtiger Blick zugleich. Mit meinem Dackelblick versuche ich die Herzen meiner Erzeuger zu erweichen. Ich will sie dazu bringen, wohlwollend zu nicken und so den Startschuss zum Auspacken der Geschenke zu geben. Strategie ist eben alles. Endlich passiert es. Synchron und wie in Zeitlupe nicken die Häupter meiner Lieben mir zu. Wie ein ausgehungerter Wolf sich auf einen unschuldigen und wehrlosen Hasen stürzt, so stürze ich mich auf meine Gaben. Jetzt zählt jede Sekunde. Ich zerfetzte das Geschenkpapier, ohne den Weihnachtsmotiven darauf auch nur einen Blick zu schenken. Das ist auch in Ordnung so, schließlich interessiert sich der hungrige Wolf auch nicht für das Fell des Hasen. Nur die inneren Werte zählen. So ist das nun Mal an Weihnachten und in der Tierwelt.
 
Papier fliegt durch die Luft und schränkt die Sicht meiner Eltern ein, während meine Glücksschreie ihnen ein seliges Lächeln ins Gesicht malen. Ich lege die Geschenke bloß, gehe nach System vor und öffne zuerst die Verpackungen, von denen ich ahne, was sich dahinter befinden könnte. Diese Ungewissheit ist die reinste Folter. Ich suche Gewissheit und bin zufrieden. Ich habe Glück gehabt. Der S43z567Lm Killerroboter vom Planeten Hasperat und die im Reprint erschienen Sumpfmonstercomics der Jahrgänge 1941-1973 lächeln mir entgegen.
 
Dann kommen die Geschenke dran, die zur Gänze ein Geheimnis zu sein scheinen. Leider gibt es solche und solche Geheimnisse. Zum Schluss bleibt nur noch ein Präsent übrig. Das Hauptgeschenk. Jetzt entscheidet sich alles. Erfolg oder Misserfolg. Ich halte die rote Bommelmütze des Weihnachtsmanns, die einen Briefumschlag ziert, in meinen Händen. Die Spannung in mir ist nicht mehr zu überbieten. Ich starre auf die rote Mütze und halte die Luft an. 50 Euro? 100 Euro? 200 Euro? Oder gar noch mehr? Meine Hände sind feucht, als ich vorsichtig den Briefumschlag öffne. Ich muss höllisch aufpassen, denn ich will das Geld, das sich zweifelsohne in dem Kuvert befindet, ja nicht zerreißen. Schicht für Schicht arbeite ich mich vor. Schein für Schein zähle ich nach. Erleichtert lehne ich mich zurück. Es war ein gutes Weihnachten. Hoffentlich wird nächstes Jahr besser.
 
Weihnachtsfeiertage sind bescheuert. Da liegen lauter poppig bunte Euroscheine vor einem und man kann sie nicht ausgeben. Ich habe zwei Tage Zeit, um mir zu überlegen, was ich kaufen werde. Mir fällt nichts ein. Ich habe schon alles. So gemein ist Weihnachten, es schafft innere Konflikte und zerstört die seelische Integrität des Beschenkten. Ich fühle mich wie ein Opfer. Was mach ich nun mit dem Geld? So frage ich mich 48 Stunden lang und begebe mich dann auf die Suche nach Inspiration, als endlich die Geschäfte wieder öffnen. Shoppen ist wie Zen Buddhismus. Meine Eltern begleiten mich in die Stadt. Ich bin willig und bereit, mein Geld heute zu investieren. Wer zu lange zögert, läuft Gefahr, die Kohle erst später, nach der Inventur und Wiedereröffnung der Geschäfte ausgeben zu können. Wie ein Jäger betrete ich das erste Kaufhaus. Sofort bemerke ich die Konkurrenz, meine Generation, die mit Habichtsblick die Auslagen der Shops scannt. Observieren, Isolieren, Attackieren. Ein erfolgreicher Shopper muss dies immer beherzigen. Und hier sind Meister am Werk, vollbehängt mit Einkaufstüten, den stummen Zeugen ihres Triumphes.
 
Draußen beginnt es zu schneien. Die Osterdekoration, die im Schaufenster aufgebaut wird, sieht irgendwie befremdlich aus, als der erste Schnee des Jahres zu fallen beginnt. "Scheiß Wetter" murmelt mein Vater und mir wird klar, Papa versteht einfach nichts von den weißen Vorboten des Frühlings.
 
 
 
 
Leseprobe:
Der Schal an meinem Bein ist nass. Überall ist Blut. Mein Blut. Die Schnittwunde. Ich muss gestürzt sein. Scheiße tut das weh.
 
Meine Sachen. Es ist alles noch da. Sogar die Pistole. Und der Ausweis. Mann, was für ein schreckliches Foto in meinem Polizeiausweis.
 
Wer hätte das gedacht, dass aus mir mal ein Bulle wird. Vater würde mich hassen, wenn er es wüsste. Das Foto, wie lange ist das schon her? Ein richtiges Milchgesicht. Ich bin das nicht mehr. So jung. Damals war das Leben noch verlockend. Ich war am Anfang und verliebt, alles war möglich. So jung.
 
Singles sollen länger attraktiv bleiben, weil sie immer auf der Suche nach einem Partner sind. Nicht dass Menschen in Beziehungen schneller altern. Ich denke, sie lassen sich gehen. Lass ich mich gehen? Was würde Anna sagen?
 
Anna freut sich immer mich zu sehen, dann hat ihre Angst um mich ein Ende. Wenn ich bei ihr bin, kann ich nicht woanders sein. Wenn ich bei ihr bin, bin ich sicher. Ich bin dann nicht allein. Es macht ihr Angst, wenn ich allein bin. Sie traut mir nicht. Sie liebt mich. Deswegen ist sie so. Ich wäre gerne so, wie sie mich möchte. Es ist schwer und es gelingt mir nicht. Bin ich es Wert geliebt zu werden? Sie liebt mich, obwohl ich sie leiden lassen. Anna, meine Anna.  
 
Bist du es Anna? Ich kenne dich. Bist du Anna? Komm aus dem Häuserschatten, wer immer du auch bist. Ich will dich sehen. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin Polizist. Hier mein Ausweis. Sieh hin.
 
Ja, du bist Anna. Aber das kann nicht sein. Meine Anna ist tot. Schon so lange tot.
 
Du warst depressiv und konntest nicht mehr. Meine Anna hat das Leben nicht mehr ertragen. War es so Anna? Komm ins Licht und sag etwas. Es war so oder? Es waren die Depressionen oder? Immer leidend. Für was? Warum das alles über sich ergehen lassen? Für sich selbst? Nein. Für dich wolltest du nicht leben. Du wolltest für mich leben, wolltest mir eine gute Frau sein. Ich war es nicht Wert. Und du hast es erkannt. Es gab für dich keinen Grund mehr. Dein Leben war sinnlos. Es gab nur den Schmerz. Und es gab mich: Pein.
 
Du bist es wirklich. Aber das kann nicht sein. Du bist tot! Tot! Bin ich verrückt? Bin ich tot? Wie kann ich dich sonst sehen? Sieht man die Seinen im Himmel wieder? Oder in der Hölle? Das macht alles keinen Sinn. Himmel und Hölle müssen anders aussehen als das hier. Das hier ist Asphalt. Mein Blut klebt auf der Straße. Tote Seelen bluten nicht.
 
Du sagst du lebst. Du bist nicht depressiv. Wie kannst du das sagen? Ich weiss es. Ich habe dich gesehen. Du lagst tot am Boden. Überall war dein Blut. Ich habe dich umarmt. Oh Gott, überall das Blut. Ich blieb tagelang bei dir. Dann habe ich die Wohnung verlassen. Du kannst das nicht überlebt haben. Oder? Anna, sag was? Lebst du wirklich? Anna, lebst du?
 
Warum bist du nicht tot?
 
Soll ich dich umarmen?
 
Was erwartest du von mir? Nach so vielen Jahren kommst du einfach so wieder. Warum erst jetzt? Warum hast du mich allein gelassen? Warum?
 
Soll ich sagen: He Anna! Schön, dass du wieder da bist. Wie war dein Tag? Oh das tut mir leid. Meiner war auch nicht besser. Es ist immer derselbe Job. Es ist immer gleich. Fast immer.
 
Jeder Job hat nur eine bestimmte Anzahl an Varianten. Irgendwann ist alles nur noch Routine. Es gibt Polizisten, die sagen, wenn man gesund nach Hause kommt, war es ein guter Tag. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich eines Tages nicht mehr nach Hause kommen könnte. Für mich war es nie ein guter Tag, nur weil ich den Feierabend erlebt habe. Doch heute ist wirklich ein guter Tag.
 
Mir war das zu wenig, nach Dienstschluss einfach nur noch am Leben zu sein. Leben ist es, nach Hause gehen zu können und innere Ruhe zu finden. Das ist für mich ein guter Tag. Meist habe ich einen inneren Frieden nur gefunden, wenn ich bei dir war.
 
Lass dich umarmen, Anna. Es tut so gut dich zu spüren. Lass dich küssen. Anna.
 
Heute ist ein besonderer Tag. Eine Frau ist gestorben, du bist wieder geboren. Funktioniert so das Leben? Kommt für jeden der geht einer zurück? Wer kommt, wenn du gehst? Kommt dann sie wieder? Ist es so einfach? Oder muss ich gehen, wenn sie zurück kommt? He Mädchen, willst du wieder kommen. Willst du aufwachen?
 
Du hast mir gefehlt, Anna. Du fehlst mir seit Jahren. Es ist schön nicht mehr allein zu sein. Komm lass uns nach Hause gehen. Ich war schon lange nicht mehr dort. Aber sein Zuhause vergisst man nicht. Das warme Licht der Stehlampe. Ich bin dort gern gesessen. Im Schein der Lampe sah vieles versöhnlicher aus. Du hast sie umgerissen, als du gestürzt bist. Damals, als du gestorben bist. Weist du noch Anna?
 
Es ist schön wieder in unserer Wohnung zu sein. Es ist zu lange her. Ich habe es fast vergessen. Gestern sagst du? Das kann nicht sein. Nicht gestern, fünf Jahre ist es her. Heute auf den Tag sind es fünf Jahre. Anna ich habe nicht getrunken. Ich schwöre es dir.
 
Du pfeifst drauf? Ich lag nicht betrunken auf der Strasse! Es war anders. Ich habe geblutet. Sieh doch.
 
Dreck? Es ist kein Dreck! Das Blut hat meine Kleidung dunkel gemacht. Es ist Blut von meinem Bein. Sie hin, ich mach den Schal ab. Sieh hin, bitte.
 
Ich verstehe das nicht. Die Hose war zerschnitten. Ich war verletzt. Das Glas des Fensters. Es war ein langer Schnitt. Das kann nicht sein.
 
Anna, hat die selbe Kraft, die dir das Leben schenkte, auch mich geheilt? Kann das möglich sein? Du lebst und das ist der Beweis, oder? Vielleicht ist nicht nur mein Bein sondern auch meine Seele geheilt? Vielleicht ist auch die innere Unruhe weg, die mich so oft auffrisst? Endlich Frieden und nicht mehr den Zwang, nach Sex zu suchen.
 
Anna, ich möchte nicht darüber reden. Fang nicht wieder damit an. Wir haben uns fünf Jahre nicht gesehen. Ich kann nicht fünf Jahre treu sein. Das ist nicht fair Anna. Ich bin kein Heuchler. Du warst tot. Vergiss das nicht. Du warst tot und ich war allein.
 
Früher. Ich wollte dich nicht betrügen. Es war ein Zwang. Ich hatte keine Wahl. Es war stärker als ich. Es war stärker als meine Liebe zu dir. Du bist doch deswegen gestorben, Anna. Weißt du noch?
 
Entschuldigung. Bitte geh nicht, ich wollte doch nur, … Anna, … Bitte!.
 
Bitte lass mich nicht allein. Ich will dir nichts Böses. Ich bin doch dein Mann. Ich bin nicht gern ohne dich, Anna. Bist du gerne allein? Nein? Nein, ich weiss nicht wie das ist, zu Hause zu sitzen und zu warten und zu bangen. Du brauchst dir keine Sorgen um mich machen, Anna. Ich bin Polizist und mache meine Arbeit. Ich bin auf der Straße, jage Junkies und Dealer. Wir alle tun unseren Job. Die und ich. Jeder.
 
Ich möchte duschen. Das Wasser an meinem Körper spüren, den Tag abwaschen. Es ist ein gutes Gefühl zu duschen, es ist, als wenn Regen fällt.
 
 
 
Schauergeschichten - Erzählungen
 
Pein
Autor:          
Das Kind der Hexe -
Historischer Roman über die Hexenverfolgung in Baden-Württemberg
Autor:            Michaela Levin
                     info@log-buch.eu
                      750 Seiten
Siehe auch    www.romansuche.de
 
Verlag:          gesucht!
                              
 
 
Leseprobe:
Lange schon war kein Niederschlag mehr gefallen. Stuttgart stank und hoffte auf Regen, der den Morast aber auch den Kot von Mensch und Tier vom Kopfsteinpflaster der Straßen waschen würde. Wer es sich leisten konnte, trug Holzschuhe unter seinem Schuhwerk, um sich vor dem Unrat, der selbst die Bürgersteige zu überschwemmen drohte, zu schützen. Die Straßenfeger fegten verbissen und von der Stadt bezahlte Hundeschläger verjagten wilde und streunende Hunde, die die Gassen zukoteten. In der Mitte der meisten Straßen floss das gebrauchte Wasser aus den Häusern in eine Rinne und trug seinen Teil zur Reinigung der Stadt bei und dort, wo das Wasser stockte, sorgte der Grabenfeger dafür, dass die Rinne wieder frei wurde und den stinkenden Unrat davon schwemmte. Entgegen diesem Strom bewegte sich Constance nach Hause. Das sechzehn jährige Mädchen hatte es eilig. Mit einem Huhn und Eiern eilte sie vom Markt durch die engen und belebten Gassen. Constance hatte ihrer Mutter versprochen, sich zu beeilen. Es war kein leeres Versprechen gewesen, denn die Mutter war krank und auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen. Constance atmete schnell und hastete voran. Erst am Alten Schloss hielt sie inne, um Luft zu schöpfen. Was einst eine Wasserburg gewesen war, hatte sich mehr und mehr in ein Renaissance Schloss verwandelt. Constance stellte sich vor, wie prunkvoll das Leben darin sein musste. Manchmal träumte sie davon, als Herzogin von Württemberg im Alten Schloss in Reichtum und Unbeschwertheit zu leben. Es war ein Traum, den Constance mit vielen Mädchen in ihrem Alter teilte. Die Wirklichkeit sah anders aus. Pflicht und nicht Müßiggang beherrschte das Leben fast aller. Jeder hatte seine Aufgabe und Constances Aufgabe war es, den Haushalt ihrer Familie zu führen, einzukaufen, zu kochen, zu waschen und sich um die kranke Mutter zu kümmern. So lange sich Constance zurückerinnern konnte, war ihre Mutter Margarete schon ans Bett gefesselt. Jahr um Jahr wurde sie schwächer, während der Husten, der sie quälte, stärker wurde. Constance lief weiter, weg vom Schloss und schnell erreichte sie das Haus ihres Vaters, eines Schulmeisters. Ihr Vater Tobias, Margarete, Constance und ihr Bruder Jerg lebten dort. Es war ein altes Fachwerkhaus, das vom Alter gekrümmt war und sich der Gasse zuneigte. Das erste Geschoss stand über den ersten Stock hinaus und schien fast das Gebäude gegenüber zu berühren. Die meisten Häuser in der Stadt waren so gebaut worden, um mehr Wohnraum zu schaffen und die schmalen Gassen nicht noch schmäler werden zu lassen. Mit Grausen erinnert sich Constance an den Brand, der 1659 in einem Haus in der Querstraße entfacht und schnell auf die Nachbarhäuser übergesprungen war. Drei Häuser waren abgebrannt und eine Frau gestorben. Nicht in den Flammen des Brandes, sondern auf dem Scheiterhaufen hatte sie sie ihr Leben beendet. Ihr war die Schuld zugeschrieben worden, das Feuer herbeigehext zu haben, um ihren Mann zu töten. Constance erinnerte sich, wie die alte Hexe sie all die Jahre zuvor stets angelächelt hatte und ihr als freundliche Frau erschienen war. Constance schüttelte den Gedanken ab, öffnete die schwere Holztüre ihres Geburtshauses, eilte die knarrende Holztreppe hinauf und sah nach der Mutter.
Margarete schlief. Erleichtert machte Constance kehrt und stieg leise die Stiegen hinab, um aus dem Keller gedörrtes Obst zu holen und eine Mahlzeit vorzubereiten. Die Eier vom Markt stellte sie an den Ofen, damit dessen Wärme sie ausbrütete, dann begann Constance das Huhn zu rupfen, denn bald würden Vater und Jerg von der Arbeit nach Hause zurückkehren.
 
Jerg mochte seine Arbeit nicht. Es lag ihm nicht im Blut, ein Kaufmannsgehilfe zu sein. Der Einfluss seines Vaters hatte es ermöglicht, dass Jerg die Stellung im Haus des reichen Kaufmanns Siebenstein antreten konnte. Rechnen, schreiben und sich immer nur mit Gewürzen auseinanderzusetzen, ödete Jerg an. Er wollte seine Zeit mit lebenden Dingen verbringen, mit Menschen. Im Grunde seines Herzens beneidete Jerg seinen Vater, der als Schulmeister Macht über Schulkinder ausüben konnte. Manchmal träumte er bei der Arbeit und stellte sich vor, er wäre der Schulmeister und es wäre sein Privileg, ja sogar seine Pflicht, faule und unwillige Kinder mit der Rute zu züchtigen.  
Jergs Weg von der Arbeit nach Hause führte ihn täglich an einer Gerberei vorüber. Nur hier war der Gestank des Unrats, der wie eine Dunstglocke über allen Gassen und Straßen der Stadt lag, nicht zu riechen, denn die trocknenden Tierhäute und der Gestank der verfaulenden Fleischabfälle der Gerberei überlagerten diesen Gestank und übertrafen ihn noch bei weitem. Jeden Tag, wenn Jerg hier vorbeikam, überkam ihm ein wenig Demut und seine Arbeit bei Siebenstein bereitete ihm ein klein wenig Freude. Wie viel schlimmer hätte es Jerg treffen können, hätte er Gerber statt Kaufmann werden müssen. Schnell eilte Jerg weiter, doch kaum war der Gestank verflogen verschwand auch die Demut und Jerg begann wieder mit seinem Leben zu hadern. Er neidete dem Vater dessen Stellung und eines Tages hoffte er, Tobias um Haus und Anstellung als Lehrer zu beerben.
Das Essen stand schon auf dem Tisch. Jerg konnte die Hühnersuppe bereits riechen, als seine Hand die Tür öffnete. Constance und Tobias saßen um den schweren alten Eichentisch und hatten auf ihn gewartet. Jergs Hunger war größer als sein Widerwille vor dem Vater und so setzte er sich zu seiner Familie. Stumm aß er, während Tobias und Constance in ein Gespräch vertieft waren. Immer war es so. Vater und Tochter lebten in derselben Gedankenwelt und diese war Jerg verschlossen. Jerg fühlte sich als Außenseiter und er gab der Familie die Schuld. Die Idee, die Schuld bei sich und seinem fehlenden Interesse an Gespräch und Geselligkeit zu suchen, kam Jerg nicht, lieber brütete er stumm über seiner Suppe und schlang, um schnell die Anwesenheit der anderen verlassen zu können. Gesättigt erhob er sich Jerg, fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund und schickte sich an, das Haus wieder zu verlassen.
„Bleib!“ Tobias Stimme zeigte, wer der Herr im Hause war. Als sie erklang verharrte Jerg, schien in der Bewegung eingefroren zu sein. „Deine Mutter wünscht dich und Constance zu sehen.“ Jerg hörte das Knarren des Holzstuhls über den Bodenbohlen, als sich seine Schwester sofort erhob, um der Anweisung Folge zu leisten. Jerg vernahm jeden ihrer Schritte, als sie sich auf den Weg zu Margarete begab, dann folgte er ihr. Jerg wusste, was ihn erwarten würde. Mutter liebte es, Geschichten zu erzählen. Es waren meist wahre Geschichten, die eine Warnung und eine Lehre für ihre Kinder beinhalteten. Die versteckte Moral war Jerg zu wider, doch so lange er im Haus seiner Eltern lebte, musste er sich fügen und so folgte er Constance nach oben.
 
„Hell loderten die Flammen unter der Frau und fraßen sich durch Holzscheite nach Oben zu den Füßen der Gefesselten. Ihre Zehen zuckten und versuchten der Hitze auszuweichen. Die Schreie der Frau gellten den Menschen in den Ohren, die sich vor den Flammen eingefunden hatten. Viele unter ihnen waren nur des Feuers wegen in die Reichstadt nach Esslingen gekommen, schließlich war es eine Hexe, die dort oben lichterloh brannte. Das Feuer war eine willkommene Abwechslung im harten Alltag der Menschen. Es lockte sie von nah und fern. Hexenfeuer. Freudenfeuer. Sie alle waren gekommen, um diese Frau brennen zu sehen. Vergessen wollten sie die eigenen Sorgen und Nöte beim Anblick eines sterbenden Menschen.“
Margarete saß aufrecht im Bett. Ein Kissen und ein Sack stützten ihren Rücken. Ihre Stimme war so eindringlich, das Constance fröstelte. Ihr Blick wanderte zu Jerg, der dicht vor dem hölzernen Bettkasten saß. Jergs Blick hing am Mund der Mutter und er bemerkte nicht, dass seine Schwester begonnen hatte, ihn zu beobachten. Die Geschichte über das Hexenfeuer ließ Jerg lächeln und dieses Lächeln weckte Angst in Constance.
„Der Rauch war grau und dick und umhüllte die Gestalt gänzlich. Nur eine verängstigte Stimme war aus dem Rauch zu vernehmen. Sie beteuerte ihre Unschuld und flehte Gott um Gnade an. Zu den Menschen sprach die Stimme nicht. Weder zu denen, die sie verurteilt hatten, noch zu ihrem Henker, noch zu den Schaulustigen am Fuße des Scheiterhaufens. Die Frau wusste, dass sie von keiner Menschen Seele Gnade zu erwarten hatte. Sie sprach mit Gott, der sie verlassen hatte. Verzweifelt klopfte sie an seiner Tür.“
Jerg klopfte an das Holz von Mutters Bett. Constance erschrak und wütend sah sie auf. „Psst! Sei ruhig.“, raunte sie Jerg zu, doch der der lachte nur. Mutter wurde still. Sie sah von Constance zu Jerg. „Entschuldigung.“, murmelten beide.
Mutter nickte milde und fuhr mit ihrer Erzählung fort. „Ob die Frau die Stimmen der Meute vernahm, die ihr zurief, vermag ich nicht zu sagen. Gotteslästerin! schrie eine und andere Stimmen fielen ein, während das Flehen auf dem Scheiterhaufen abebbte und einem Husten wich. Der Rauch des aufsteigenden Feuers drang dem Opfer in Nase und Kehle. Die Frau begann um Luft zu ringen. Die Zeit der Worte war vorüber, nun begann das Sterben. Der Rauch ließ die Verurteilte würgen, die Hitze versengte ihre Atemwege und lange bevor die Flammen an ihr leckten, war sie bereits verstummt.“
 
Jagdgründe -
Roman/Serienkiller
Leseprobe:
Kondenswasser kroch das Fenster hinab. Finger folgten einem der Tropfen und ließen das Gebilde platzen. Arkady spürte das warme Nass auf seiner Haut und benetzte seine Lippen.
„Warum starrst du so?“
Reglos kauerte sie auf einem Stuhl. Ihr Geruch füllte den Raum, ihr verschwitztes Gesicht war Arkady abgewandt. Schweißtropfen schoben sich an ihrer Schläfe voran, den Tropfen auf dem Fenster gleich. Die Hitze war allgegenwärtig, hatte Mensch und Ding im Griff.
Furcht erfüllte die Frau, besaß sie doch keine Antwort, die sie hätte geben können. Sie starrte nicht, nicht auf ihn. Ihr Blick war zu Boden gerichtet. Ihre Augen versuchten ein Loch zu graben, durch das sie entschwinden könnte.
„Warum starrst du mich so an?“
Arkady liebte es, Menschen zu verhören. Ihre Schuld oder Unschuld war bedeutungslos. Angst getrieben kauerten sie ihm gegenüber. Ein jeder von ihnen hatte ein Gedächtnis und ein Gewissen. Irgendwann in ihrem Leben hatten sie alle etwas getan, für das sie sich schämten und das sie ungeschehen wünschten.
Hier in diesem Raum kamen die Erinnerungen hoch, die Schuld und die Angst, für etwas Vergangenes büßen zu müssen. Nur deshalb gab es dieses Zimmer. Druck auf Verdächtige wurde hier nicht ausgeübt, sie übten ihn selbst aus und ihre fragenden Blicke kreisten dabei nur um einen Gedanken:
„Er weiß es. Er weiß, was ich getan habe.“
Zwei elliptische, dunkle Ränder glänzten im Kunstlicht. Sie zierten den teuren Stoff, ihrer Bluse.
“Warum hast du es getan?”
Er wusste Bescheid.
 
Ihr Körper begann zu zittern. Das Ziel war nahe, gleich würde sie aufgeben. Eine Rechtfertigung würde ihr Geständnis einleiten. Es war immer so. Arkady genoss den Moment, in dem sich die Menschen öffneten, sich ihm anvertrauten und aufgaben.
Ihre Lippen formten Worte. Wut über eine andere Frau, über rasende Eifersucht, verletzte Gefühle, verratene Liebe und Rache. Rechtfertigungen, nichts weiter als das Betteln nach Verständnis für eine Tat, die ein Leben beendet hatte.
Die hervor gewürgten Worthülsen drangen nicht mehr zu ihm vor. Nicht die Gerechtigkeit war bedeutsam, nur der Triumph zählte. Was bedeuteten Wahrheit und Gerechtigkeit gegen den Rausch der Macht?
Arkady liebte seinen Beruf.
„Was wird aus mir?“
Ihre Stimme zitterte. Ihr Blick bettelte um ein Wort der Hoffnung. Arkady hatte keines für sie. Ihre Beziehung war beendet.  
*
Die Kollegen begegneten ihm mit stummen Respekt und offener Abneigung. Arkady achtete nicht auf sie, warum auch. Sie starrten ihm nach, kaum das er an ihnen vorüber gegangen war. Sie fragten sich, was an diesem hageren Mann mit dem zerfurchten Gesicht besonders war. Sie mochten ihn nicht, keiner hier konnte Arkady leiden.
„Gleich geht ihm einer ab.“
Es war nur ein Flüstern im Raum.
 
Arkady verließ das Gebäude, trug seinen Triumph nach draußen. Das Geständnis der Frau glich einer Trophäe, die er mit nach Hause nehmen konnte.
Die Luft knisterte, dann entlud sich das Sommergewitter. Eine junge Frauenstimme hatte es im Radio vorher gesagt und hatte Recht behalten. Weiße Blitze zuckten am Himmel, der Donner übertönte das Trappeln von Schuhen. Die Menschen flohen vor dem einsetzenden Schauer. Lemmingen gleich drängten sie an Arkady vorbei und erst langsam, dann immer schneller, folgte er ihnen.
*
Regentropfen trommelten, schlugen schnell und hart auf dem Plexiglasdach auf. Einen Schirm zum Schild erhoben und gegen den Himmel gerichtet, verließ sie das Haus.
Wasser tanzte zwischen ihren Pumps.
Lange, schmale Beine lugten aus einer kurzen Hose und versuchten vor den Regentropfen zu fliehen, die vom Boden sprangen und die Strumpfhose tränkten. Ein Blick auf die Uhr verriet eine Eile, die unbegründet war, denn das Gewitter verlangsamte das Leben der Menschen. Sie alle warteten und hofften, einem kollektiven Geist verpflichtet, der Schauer möge enden.
 
Die junge Frau war verliebt. Niemand würde je davon erfahren. Ihr Jäger nicht und nicht die Polizisten, die sich nach Sonnenaufgang um ihre Leiche scharren würden.
*
Pate und Zeuge zugleich schien der Mond auf ihn hinab. Er löste sich aus dem Dunkeln einer Mauer, um neugierig dem blonden, sich bewegenden Haar der jungen Frau zu folgen. Der Zufall hatte ein Geschenk überbracht und er war gewillt, die Gabe nicht zurück zu weisen.
Es war so leicht, sich zu nähern. Er hörte sie Luft schöpfen und glich seinen Atemrhythmus dem ihren an. Es erregte ihn, gleichzeitig in perfekter Harmonie mit ihr den Sauerstoff in den Körper zu saugen, zu verwerten, auszustoßen.
Er war glücklich und aufgeregt, der Erfüllung so nah. Zum Greifen war sie und er streckte die Hand aus, um ihr Haar zu fassen. Seine Finger öffneten sich, schlossen sie sich um den Stickstoff, den sie vor Sekunden ausgeatmet hatte. Seine Faust versuchte einen Teil von ihr fassen und für immer fest halten.
Hatte er jemals eine Frau an sich binden können? Sie liebten ihn nicht, mochten ihn nicht einmal. Sie missachteten ihn, sahen weg, wenn sie ihm begegneten. Frauen waren für ihn zum Innbegriff für Demütigung und Verachtung geworden. Zu oft war es geschehen. Die Gedanken rasten in seinem Kopf. Alle schrieen durcheinander, verstummten nur in freudiger Erwartung auf Aufmerksamkeit, Beachtung, Erfüllung. In stummer Konzentration warteten sie darauf.
Er öffnete die Hand und seine Finger folgten dem Spiel des Windes, der die blonden Haare auf und abwehte, einem Dirigenten gleich, der  sein Orchester leitete.
„Lass deine scharfe Sichel schneiden und bring die Ernte ein.“
Sie hörte sein Flüstern nicht. Keine Gefahr, keine Eile bestand. Der Regen war ein Freund. Er lärmte, um ihn glücklich zu machen. Bald würde er glücklich sein und ihr Haar zwischen seinen Fingern reiben.  
Sie trat in eine Pfütze. Wasser spritzte auf.
„Die Stunde für die Ernte ist gekommen, die Ernte ist reif.“
Er zog seine Waffe und der Regen klatschte Beifall. Das Messer war lang, schmal, spiegelte die Gliedmaßen seines Opfers wider.
„Tritt her! Ich werde dir zeigen, wie die große Hure bestraft wird.“
Sie bemerkte ihn zu spät. Seine Klinge drang in ihr Fleisch. Täter und Opfer verharrten. In ihren Augen erkannte er Schmerz, Schock. Sein Gesicht schob sich über das ihre und sie zeigte Erstaunen. Ein neugieriges Gesicht war es, in das sie starrte, bevor sie stürzte und ihr Blut sich mit der Pfütze verband.
 
Freundlich sah er auf sie hinab. Er blieb bei ihr, wachte über sie, begleitete ihr Sterben.
Das letzte, das sie im Leben sah war sein Lächeln.
*
Der Regen endete, wie er begonnen hatte: abrupt. Die Luft war ein wenig abgekühlt und erleichterte das Atmen. Arkady hoffte, auf das Ende der Hitzeglocke, die schon so lange über der Stadt lag. Er fühlte sich befreit. Druck und Anspannung waren verschwunden. Ein Gefühl von Leichtigkeit brandete in ihm auf, alles würde ihm jetzt gelingen. Die Kuppen seiner Finger prickelten, sein Herz schlug im Adrenalinrausch, seine Wangen waren gerötet. Die Erinnerung an die Frau erregte ihn.
Es war schön gewesen.
 
Arkady rannte, setzte seine pulsierende Energie in Bewegung um. Häuser, die schon Generationen überdauert hatten, zogen in Bewegungsunschärfe an ihm vorbei. Gebeugt von Verfall warteten sie darauf abgerissen oder erneuert zu werden. Wie eine alte schrumpelige Frau, die das Alter mit Make Up zu überdecken versuchte, wirkten die Häuser auf ihn.
 
Andere Gebäude strahlten im neuen Glanz ihrer restaurierten Fassaden und bezeugten den Reichtum zahlreicher Menschen, die in dieser Stadt lebten. Es bestand noch Hoffnung auf Erneuerung. Viele Politiker wünschten die verfallenen Gebäude und die Menschen darin zum Teufel, hofften auf Investoren, die die Stadt in einen Phoenix verwandeln würden, der aus der eigenen Asche empor stieg.
 
Um den Park waren erste Anfänge zu sehen. Die neuen Fassaden gefielen ihm nicht. Arkady war ein konservativer Mann. Dies war nicht mehr das Viertel seiner Kindheit. Mäßigung hatte damals geherrscht, das Alte war noch von Wert gewesen.
 
Er sog die Luft in seine kurzatmigen Lungen. Sein Körper war noch gut in Form, der kleine Bauchansatz zeugte mehr von müdem Gewebe, denn von Fett.
 
Im Park hielt er inne. Nasse Bäume, voll gesogene Blätter, Wasser, das auf Gras perlte. Der Duft der Pflanzen überwältigte Arkady. Es war immer so, wenn er hier war, heute war es stärker. Ob es am Regen lag oder an der Begegnung mit der Frau, die seine Sinne geschärft hatte, wusste er nicht.
 
Hier im Park, fühlte sich Arkady frei. Die Nacht war längst zum neuen Tag geworden, ohne dass die Sonne sich aufgemacht hätte, die Dunkelheit zu vertreiben.
Auf einer Bank wartete er auf das Licht.
 
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      311 Seiten
                      als Krimi-Serie ausbaubar
                      siehe auch „Drehbuch
                      Brutus“
Verlag:           gesucht!
                              
 
 
Leseprobe:
Heute ist ein schöner Wintertag, ideal, um sich die Füße am Beerensee zu vertreten. Ich erkenne ihn sofort. Nein, nicht den See, den Kerl. Sein Gesicht hat die Form eines Baguettes. Ein gallischer Schnauzer ziert seine Nase, fehlen nur noch Helm, Zöpfe und blau-weiß-gestreifte Hosen. Der Berg eines Franzosen türmt sich lümmelnd auf einer morschen Holzbank. Seine Pranken ruhen auf seinem mächtigen Bauch. Hände wie Klodeckel hat der Kerl und ich stelle mir entsetzt seine gigantischen Wurstfinger auf Saphirs Luxuskörper vor, dass es eine Schande ist.
 
Jogger umwuseln Gérard Départ-Dieu, wie Motten das Licht. Er achtet nicht auf sie, starrt teilnahmslos auf das Wasser, scheint die Ankunft einer Nixe, die dem trüben Nass entsteigen möge, zu erwarten. Doch nur ein toter Fisch treibt ans Ufer, als habe Départ-Dieu das Vieh mit Blicken getötet. Gleiches wünsche ich mir für den Jogger, der seine Blase an dem Busch erleichtert, hinter dem ich mich mit meiner Luxnix 0815 Digitalkamera versteckt habe. Ich feure Anti-Rote-Augen-Blitze auf den Kerl und treibe ihn damit in die Flucht, bevor ich die bernsteinfarbene Flüssigkeit aus meinem Schuh leere.
 
Eine blonde Joggerin eilt Départ-Dieu entgegen. Ihr Haar weht um ihr Haupt, leuchtet im Licht der Sonne Gold gleich. Anmutige Bewegungen, besonders die auf Brusthöhe, schlagen mich in ihren Bann. Gedankenverloren drücke ich auf den Auslöser meiner Kamera und fotografiere mich selbst. Ich lösche das Bild sofort, mein dümmlicher Gesichtsausdruck gefällt mir nicht.
 
Vor Départ-Dieus Bank strauchelt die blonde Aphrodite und stürzt in seine Arme. Sie hält sich den Knöchel, er ihre üppigen Brüste, dann saugt er den Bluterguss aus ihrem Fuß, als wäre er ein Vampir.
 
Départ-Dieu stützt die Sexgöttin, geleitet sie den Weg zurück. Ich durchschaue sofort die Schmierenkomödie. Die misstrauischen Blicke, die die beiden jedem Strauch zuwerfen, verraten sie. Ich teste mein Teleobjektiv. Der Foto blitzt.
„Oh ein Gewitter.“, höre ich die blonde Aphrodite lispeln.
 
In einem Taxi folge ich den beiden nach Stutengarten. Sie mieten sich in einem Hotel ein, geben sich als Frau und Herr Oettinger aus und beziehen das Honigmondzimmer. Ich eile voraus zum Fahrtstuhl, drücke dem Pagen einen gefälschten fünfzig Euro-Schein in die Hand und leihe mir sein lächerliches Käppi samt Uniform. Sekunden später drücke ich in perfekter Tarnung für die beiden Turteltauben die Knöpfe. Wir rauschen nach oben, dem Honigmondzimmer entgegen. Gérard Départ-Dieu erweist sich als manischer Küsser und unauffällig löse ich meine Kamera aus, dessen Objektiv zwischen den Uniformknöpfen der viel zu weiten Uniformjacke heraus lugt. Leider werden die Bilder unscharf. Schlimmer noch, den Liebenden fehlen die Köpfe.
Ich tröste mich mit Départ-Dieus Trinkgeld und genehmige mir einen heißen Tomatensaft an der Hotelbar. Von dort behalte ich den Lift im Blick und ein Quicki später öffnet sich dessen Tür. Aphrodite erscheint, wandelt an mir vorbei und schüttelt mir ihr blondes Haar ins Gesicht. Es kitzelt, ich niese und verspritze den Tomatensaft über den Barmann. Er flucht und ich lobe die coolen Farbspritzer auf seinem Hemd. „Echt Designermäßig.“, murmle ich und zeige mit dem Daumen nach oben. Er verwechselt die Geste, scheint Daumen und Zeigefinger nicht auseinander halten zu können und packt mich am Kragen. Ich überlasse ihm den Stoff, habe nun wichtigeres zu tun und folge mit zerrissenem Hemd der blonden Schönen durch die Schwingtür des Hotels. Mein Schwung ist zu groß und trägt mich zurück, direkt in die starken Arme des Barmanns. „Ich bin nicht schwul.“, flüstere ich in sein Ohr und ramme ihm mein Kinn gegen die Faust. Dann laufe ich davon, beschleunige auf Höchstgeschwindigkeit. Nicht aus Angst, nein, um Aphrodite zu folgen.
 
Ein Wagen der Müllabfuhr verdeckt mir die Sicht. Müllmänner in adrettem Orange greifen nach gut gefüllten Tonnen, leeren sie und stellen sie auf den Asphalt zurück. Mit dem Turbo im Bein ist es mir nicht möglich auszuweichen, ich renne gegen eine leere Tonne und lande darin. Mit einem dumpfen Geräusch schließt sich der Deckel über mir. Es wird dunkel und riecht muffig.
Energisch stoße ich den Deckel auf und blicke in das Gesicht eines Müllmanns. Vor Schreck kreischt er auf. Der Kerl zittert am ganzen Leib, als habe er ein Gespenst gesehen. Sein Kollege eilt ihm zu Hilfe. Freundlich teilt dieser mir mit, dass dies keine Biotonne sei, in der ich stecke. Er hilft mir heraus, öffnet die passende Tonne für mich und bietet mir einen Platz darin an. Ich lehne ebenso höflich ab, weise darauf hin, in Eile zu sein, dann sehe ich, was auch er sieht. Zu oberst im Bio-Müll liegen eine blonde Perücke, daneben ein roter Kussmund aus Latex und eine Frauenbrust aus Gummi. XXL steht an einem kleinen Schildchen rechts über der Brustwarze.
Noch nie wurde ich so getäuscht. Die Braut war eine Betrügerin. Ich greife nach den Beweismitteln, doch der freundliche Müllmann ist schneller und schlägt den Deckel der Tonne zu. Ich zeige Zähne wie ein Mann, als ich ihm meinen Schmerz entgegen brülle. Dann verstumme ich und der Mann weist mich darauf hin, dass diese Sexspielzeuge Eigentum der städtischen Müllabfuhr seien. Es gelingt mir nicht, den Müllkutscher durch didaktisch kluge Argumentation umzustimmen. Es interessiert ihn einfach nicht, dass Gummibrüste im Biomüll nichts verloren haben, dass die gefundenen Utensilien im gelben Sack entsorgt werden müssen und als ich mich breit erkläre, dies für ihn erledigen zu wollen, lacht er mich aus. Ich verstehe nicht, wie meinem Gegenüber dem Konzept der Mülltrennung plötzlich so gleichgültig gegenüber stehen kann.
Der Müllmann plustert sich in seiner orangenen Latzhose vor mir auf, lässt in Imponiergehabe die Träger schnalzen und nimmt mich in den Schwitzkasten. Ich beiße und trete, kann jedoch nicht verhindern, dass einer der Müllmänner Perücke, Kussmund und Gummibrust anprobiert und sich von seinen Kollegen antatschen lässt. Die beiden haben viel Spaß, springen in den Müllwagen, starten den Motor und unverzüglich lässt mich mein Peiniger frei, hüpft auf den davon fahrenden Wagen und dreht mir eine lange Nase.
Pozileisirenen erklingen. Die Freunde und Helfer bremsen scharf vor dem Hotel ab. „Es waren die Müllmänner!“, rufe ich den Pozilisten zu. Die Beamten grinsen dümmlich und schubsen mich zur Seite. Kaum tragen sie neue Uniformen, sind sie sich zu fein, Verbrecher zu jagen. Fassungslos sehe ich meinen entschwindenden Steuergeldern nach. Ich eile ihnen hinterher, will wissen, warum die Pozilei Angst hat, ihre blauen Hosen und Hemden zu beschmutzen, doch wie Beamte eben sind, stellen sich die Herren taub. Erst als ich behaupte, sie würden wie eine Mischung aus Briefträger und Zugschaffner aussehen, ernte ich ihre Aufmerksamkeit. Grimmig sind ihre Blicke und ich beschließe alleine die Verfolgung des Mülltrupps aufzunehmen.
Auf dem Weg zur Straße begegne ich dem Notarzt. Rührend kümmert er sich um den Barkeeper, wischt mit kaltem Wasser die roten Flecken von dessen Hemd. Ich rufe dem Medizinmann zu, der scheinbar Verwundete sei nur ein Simulant, doch meine verbale Hilfestellung verhallt unbemerkt, denn die Stimme des Liftboys übertönt die Schwingungen meiner zarten Stimmbänder.  
„Das ist der Kerl! Der hat auf meine Knöpfe gedrückt!“
Chaos bricht aus. Die Pozilisten versuchen mich zu erhaschen. Einer von ihnen stolpert und bringt all seine Kollegen zum Fallen. „Alle Neune!“ rufe ich entzückt und springe in den Streifenwagen. Der Schlüssel steckt. Ich gebe Vollgas und brause davon. Wütende Fäuste winken mir nach. Ich hupe zum Abschied, dann entdecke ich sie. Ich erkenne sie an ihrem Rock, der nur knapp ihren Hüften bedeckt. Gelassen flaniert Départ-Dieus flüchtige Geliebte an den Schaufenstern vorbei. Sogleich zücke ich meine Luxnix 0815 und fotografiere die Schöne. Sie hat schwarzes Haar, trägt einen Pagenschnitt.
Stotternd bleibt der Streifenwagen stehen, bevor ich die Frau überholen und ihr Gesicht fotografieren kann. Da leistet sich die Pozilei schon einen dicken Mercedes und hat dann nicht das Geld um ihn zu betanken. Wütend öffne ich die Tür und der marode Stern fällt von der Motorhaube. Sogleich wünsche ich mir was, weiß ich doch, dass Sternschnuppen Glücksbringer sind. Diese hier gehört zweifelsohne nicht dazu, denn die Schaffner und Briefträger ergreifen mich. Ihr Häuptling erklärt mir, dass ich verhaftet sei. Ich spreche von Unschuld und Missverständnis und erkläre mich bereit, dem Barmann die Reinigung seines Hemdes zu bezahlen. Die blauen Jungs wiegeln ab. Ihnen geht es um echtes Blut, denn Départ-Dieu wurde der Hals umgedreht. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Man setzt mich in den stattlichen BMW des Streifenhäuptlings. Es ist ein tolles Auto, braucht keinen Stern und ist voll betankt. Mein Lob wird positiv aufgenommen und der Streifenhäuptling erlaubt mir das Blaulicht samt Martins Horn anzuschalten. Endlich geht einer meiner Kindheitsträume in Erfüllung und ich frage mich, ob dies der Verdienst des gefallenen Sterns sein könnte.
Eine magnetische Pinwand, quer an der Windschutzscheibe des BMW befestigt, gehört zur serienmäßigen Ausstattung. Darauf hängen die Fahndungsfotos aller flüchtigen Verbrecher. Der Streifenhäuptling vergleicht mein Gesicht mit den Abbildern und ist enttäuscht. Ich helfe ihm sein seelisches Gleichgewicht wieder zu finden und rate dazu, die Webcam am Innenspiegel einzusetzen und mich zu fotografieren, danach die Warnblinkleuchte auf Printmodus zu stellen und voilà mit einem Knopfdruck segelt mein Portrait zur Pinwand und bleibt dank des hohen Eisengehalts in der Beschichtung des Fotopapiers dort haften. Glücklich starrt der Streifenhäuptling auf das Bild. Es ist in der Rubrik der Handtaschendiebe gelandet. Der Streifenhäuptling nimmt mein Portrait ab und hängt es zu den Mördern.
„Hab ich dich, du Krimineller du!“, formuliert er mit spitzen Lippen und zwinkert mir zu. Laut rufe ich nach Advokat, denn Advokat ist Anwalts Liebling und dies ist ein idealer Fall für ihn, denn hier sind ein Anwalt und ein Liebling gefragt, um dem Streifenhäuptling und mir aus unseren Nöten zu helfen. Leider komme ich nicht an Advokats Visitenkarte heran und die Rufnummer von Liebling Kreuzberg ist mir leider entfallen.
Ich gebe mich dem Klang von Martins Horn hin und singe lauthals mit. Der Streifenhäuptling stimmt ein, wir bilden einen Kanon, singen Tatü Tata, Tatü Tata. Sein Einsatz kommt immer zu spät. Typisch Polizist.
 
 
Die kriminalistischen Zungenschnalzer des Vitello Tonnato
Band 1: Das Herz ist eine Mördergrube
 
Roman/Krimi-Satire
 
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      200 Seiten
                      als Serie ausbaubar
Verlag:           gesucht!
 
Leseprobe:
Ich lerne unauffällig zu sein. Wie ein Schatten drücke ich mich an die Wand der Wohnung, wenn ich stumm spiele. Meine Spielfiguren sind ebenfalls stumm und meine Autos haben keinen Motor. Er wäre zu laut. Die Fahrzeuge fahren lautlos auf dem Boden nahe der Wand. Ich wähle stets den größtmöglichen Abstand zwischen mir und meinem Vater, wenn sich unsere Wege in der Wohnung kreuzen. Ich hebe nie den Blick, denn ich will ihn nicht provozieren. Ich bin so leise wie ich nur kann. Sich mit Bedacht bewegen. Ich bin ein Geist in diesen Zimmern. Meine Lektion habe ich gelernt. Ein gebrochener Arm. Beim Radfahren!, so trichtert mir Mama ein, als sie mich in die Klinik bringt. Er ist ein wildes Kind. Das sagte sie immer und die Ärzte nicken. Ein Riss in der Oberlippe, ein Schlag, der mich aus Nase und Ohr bluten lässt. Blutergüsse, die jede Bewegung zur Qual machten. Eine Platzwunde auf dem Kopf. Immer war ich es, das wilde Kind.
 
Nicht immer geht Mutter mit mir zum Arzt. Sie hat Angst vor unbequemen Fragen. Ich habe Angst vor meinem Vater. Mutter teilt diese Angst mit mir. In der Furcht finden wir Gemeinsamkeit. Mama und ich verbringen einen Großteil unseres Lebens in Angst.
 
Die Furcht macht mich zu einem Duckmäuser. Doch insgeheim male ich mir aus, wie ich Papa schlagen würde. Wenn ich Gewaltszenen im Fernsehen sehe, stelle ich mir Vaters Gesicht vor. Ich mache ihn zum Opfer. Jeden Tag. Für mich ist der Mann, der im Krimi ermordet wird stets Papa. Dieser Gedanke wurde für mich zur Selbstverständlichkeit. Für mich ist Papa tausend Mal gestorben. Nein, nicht gestorben. Verreckt ist er. Qualvoll verreckt.
 
Was wird passieren, wenn er eines Tages wirklich stirbt? Stirbt dann meine Angst mit? Wird Mama ein ganz anderer Mensch sein? Sie liebt mich. Ich weiß es sicher. Sie kann es nur nicht zeigen. Die Angst vor Papa verdrängt ihre Liebe. Wenn er tot ist. Was werden wir sein? Wie werde ich sein? Ich kann den Tag kaum abwarten. Auch nach so vielen Jahren ist mein Hass lebendig. Morgen werde ich Dreiundzwanzig.
 
Es ist lange her, dass Papa mich geschlagen hat. Wenn ich meinen Körper im Spiegel ansehe, erkenne ich die Stellen, an denen er mich gebrochen hat. Ich kann den Schmerz wieder fühlen, sowie ich mich konzentriere und meinen Arm betrachte. Ich kann das Knacken hören. Jederzeit.
 
Ein Knochen soll stärker werden, wenn er wieder zusammenwächst. Ich weiß nicht, wo ich das gelesen habe. Vielleicht ist es nur ein Ammenmärchen, das den Menschen erzählt wird, damit sie keine Angst haben, ihr verheilter Bruch könne wieder bersten. Vielleicht stimmt es auch. Dann macht es mich stärker. Papa wird sich mehr anstrengen müssen, sollte er erneut versuchen meinen Arm zu brechen.
 
Ich kenne meinen Vater nicht. Ich weiß zwar warum er mich schlägt, doch das warum dahinter ahne ich nicht. Warum trinkt er? Wie war er, als er jung war? Wie, als Alkohol noch keine Sucht war? Irgendetwas Freundliches muss er an sich gehabt haben, warum hätte Mama ihn sonst geheiratet? Sie ist keine Masochistin. Sie ist eine schöne Frau.
 
Wenn Mama mich schlägt, schlägt sie aus Verzweiflung. Sie liebt mich. Ich weiß es. Sie weiß, dass ich es weiß.
 
Ich nehme Mutter nicht übel, dass sie es duldet, wenn er mich schlägt. Ich bin doch nur ein Junge. Hilflos. Würde sie mir helfen, würde er sie auch schlagen. Es wäre dumm mir zu helfen. Mama ist nicht dumm. Ich bin es auch nicht. Ich greife auch nicht ein, wenn er sich an ihr vergeht. Ich hoffe stets, er möge aufhören. Erst schlägt er hart und schnell, dann werden seine Bewegungen träge. Ich weiß nicht, ob ihm die Kraft ausgeht oder seine Wut. Schließlich hört er auf. Dann setzt er sich meist in seinen Sessel. Nur Papa darf dort sitzen. Wehe dem, der sich in Papas Sessel setzt. Ich habe es einmal getan. Ich wusste damals noch nicht, dass es untersagt war. Es war ein unausgesprochenes Verbot und war mit einer sofort folgenden Strafe verbunden. Alles bei mir zu Hause sind unausgesprochene Verbote. Was gestern erlaubt war, kann morgen verboten sein und übermorgen erlaubt. Die Regeln in unserer Wohnung richten sich nach Papas Launen und dem Alkoholpegel in seinem Blut. Jeden Tag werden die Regeln neu bestimmt. Und auf jeden Tag folgt ein neuer Tag.
 
Beginne am Anfang, sagte der König und geh weiter bis du am Ende bist. Dann höre auf. Lewis Carrol hat das gesagt. Ich wünschte Papa würde Carrol kennen und seinen Rat befolgen. Papa kennt das Zitat nicht. Auf Papa trifft es nicht zu. Für ihn lautet es anders: Beginne am Anfang, sagte der König und geh weiter, bis du am Ende bist. Dann beginne erneut. Ein König stellt die Regeln auf, so wie es ihm beliebt. Er ist der König und deshalb hat er die Macht. In unserer Familie regiert Papa, wir reagieren. Er stellt die Regeln auf, wie es sich für einen Herrscher gehört. Das ist in Ordnung so.
Werde ich als Sohn meines Vaters auch einmal Regent sein? Oder bin ich auf immer sein Untertan? Ich bin sein Sohn. Sein Prinz bin ich nicht. Ich bin sein Leibeigener. Ich stamme von etwas aus seinem Leib. Ich bin sein eigen. Ich bin ein Ding, dessen Namen er kennt und über das er Macht ausübt.
 
Zwischen uns steht Mama. Auch ihr Leibeigener bin ich. Sie hat mich geboren, ihrem Leib bin ich entsprungen. Doch sie ist nicht die Königin. Auch Mama ist des Königs Untertan.
 
Ich frage Mama oft, warum wir nicht weglaufen. Sie weint und antwortet, dass sie Papa liebt. Sie kann ihn nicht verlassen. Er ist ihr Mann, bis das der Tod sie scheidet. Das hat sie mir gesagt. Ich erinnere mich noch genau. Ich bin ein Junge und höre meiner Mutter zu. Sie weint. Mama weint jeden Tag. Warum vermag ich nicht zu sagen. Tränen helfen nicht gegen Gewalt. Ich weiß es, ich habe es probiert. Früher. Heute weine ich nicht mehr. Jungs weinen nicht.
 
Manchmal führen Tränen zu Gewalt. Wenn Mama weint, kann es vorkommen, dass sie mich schlägt. Ihre Verzweiflung bricht dann aus ihr heraus. Es ist der Drang irgendetwas zu tun. Doch was für Möglichkeiten hat eine Leibeigene? Sie kann Schwächere schlagen. Doch meist ist es anders. Mama sitzt einfach da und weint. Sie kann stundenlang weinen. Mitleid habe ich mit ihr. Ich beobachte sie. Helfen kann ich nicht.
 
Machtlosigkeit. Kein Job, kein Geld, kein Ansehen. Das ist das Leben meines Vaters. Als Alkoholiker frisst er seinen Frust in sich hinein. Er säuft, bis er zusammenbricht, dann schimpft er auf die, die in der Nahrungskette unter ihm stehen. Er muss genau hinsehen, um zu finden, wonach er sucht. Vater, Sieh genau hin! Penner, Ausländer. Sie stehen hinter dir. Du hasst sie, stellvertretend für den Hass, denn du für dich selbst fühlst. Ist es nicht so, Papa?
 
Du bist nicht ehrlich Papa. Nie würdest du zugeben, dich selbst zu hassen. Nie auch nur daran denken, deine Sucht zu gestehen. Du hast kein Problem mit dir selbst, Probleme haben nur wir anderen, die wir es mit dir zu tun bekommen. Was ist dir noch geblieben, außer deiner Verachtung für die, die unter deiner Würde sind? Ich sage es dir Papa. Die Gewalt ist dir geblieben.
 
Es gibt zwei Arten von Menschen, die der Affe Alkohol kratzt. Die, die trinken, sich selbst bejammern, auf andere schimpfen und friedlich dabei bleiben und die, die so sind wie du. Die ausrasten, Schwächere schlagen, sich dadurch stark fühlen. Indem du Mama und mich schlägst, glaubst du in der Futterkette aufzusteigen. Du lässt nicht nur die Penner und die Ausländer hinter dir, sondern auch deine Familie. Wir sind es wert, geopfert zu werden. Dein Ego fühlt sich besser dadurch. Der Preis dafür ist dein eigen Fleisch und Blut. Ein vertretbarer Preis. Findest du nicht? Ich denke nicht so. Aber ich bin nur dein Sohn. In der Hierarchie stehe ich unter dir und ich werde mich hüten, dir die Wahrheit zu sagen. Nicht solange ich die Wahrheit deiner Fäuste spüren muss.
 
Nicht heute.
 
Doch irgendwann.
 
Irgendwann werden wir reden.
 
Müssen wir reden.
 
 
Engel - Roman
Psycho-Drama über Kunst und Liebe
Leseprobe:
Er schreibt schöne Briefe. Leider sind die Inhalte falsch. Ich kann ihn nicht verstehen. Entweder man liebt oder man liebt nicht. Wenn ich jemand vermisse, ihn immer um mich haben will, dann liebe ich ihn. Eine Beziehung besteht doch aus mehr, als nur aus Höhepunkten. Es kann doch nicht nur Harmonie und Glück sein, die man in einer Beziehung lebt. Es muss auch Auseinandersetzungen geben, um eine Beziehung interessant zu halten, um die Grenzen immer neu auszuloten. Nur Harmonie tötet eine Liebe, sie wird öde, langweilig und schließlich sieht man keinen Wert mehr darin. Nur Streit tötet die Liebe ebenso. Er hat beides, warum will er sich trennen? Ich verstehe ihn nicht. Ich habe den Brief mehrfach gelesen. Ich versuche seine Gefühle und seine Gedanken zu verstehen. Es gelingt mir nicht. Er will leiden, soviel habe ich verstanden. Er sucht einen Grund, um zu leiden. Er findet ihn. Kein Team mehr sein. Nur noch nebeneinander oder sogar gegeneinander statt miteinander. Ok, das sind Gründe für eine Trennung. Doch er hat genügend Gründe, die gegen eine Trennung sprechen. Den anderen vermissen, ihn berühren zu wollen, gerührt sein von Tränen. Warum ist er so negativ? Ich glaube fast, er will sich nur selbst verletzen, sich selbst bestrafen. Aber warum? Weil er im Grunde doch liebt? Er schreibt über Veränderung in der Beziehung. Früher sei alles besser gewesen. Das ist doch fade. Früher war immer alles besser. Man musste nicht zur Schule, man musste nicht arbeiten. Man war ein Kind. Klar ist auch eine Beziehung besser, wenn sie am Anfang steht. Schmetterlinge im Bauch, alles ist aufregend. Man kennt den anderen noch nicht, lernt ihn erst Stück für Stück kennen. Hormone rasseln im Körper. Die Chemie ist auf Herzpochen und Erregung programmiert, alles ist neu und so unglaublich prickelnd. Aber ist es fair zu sagen, dies sei besser, als wenn man mit einem Menschen vertraut ist, ihn in und auswendig kennt, froh ist, ihn in seinen Aktionen und Reaktionen vorhersagen zu können? Ist es nicht genauso gut, wenn man lacht, weil man gleichzeitig dasselbe gedacht und ausgesprochen hat? Irgendwann sterben die Schmetterlinge. Es ist richtig so. Es ist der Lauf einer jeden Beziehung. Statt der Schmetterlinge zieht Vertrauen in den Bauch. Empfindet Thomas wohltuendes Vertrauen als langweilige Routine? Ich werde wohl nie schlau aus ihm werden. Dabei sollte ich ihn besser kennen. Ich bin sein Postbote.
 
Eigentlich ist er ein netter Kerl. Er lebt seit einigen Jahren hier. Ich glaube vier Monate sind es her, da hat er sie kennen gelernt. Er arbeitet gerne jeden Samstag im Garten. Ich denke, es entspannt ihn. Seine Gesichtsfarbe ist so bleich. So sehen Menschen aus, die nur wenig an die Luft kommen oder eine schlechte Verdauung haben. Doch ich glaube nicht, dass ihm Gesundheit fehlt. Sein Gang ist so aufrecht und er strahlt viel Energie aus. Es ist ihm wichtig, an die Luft zu kommen, darin bin ich mir sicher. Er sucht einen Ausgleich. Auf sein Wohlbefinden achtet er, das sieht man. Ebenso sehr legt er Wert auf sein Äußeres. Immer frisch rasiert, immer gut angezogen. Er ist ein attraktiver Bursche und er weiss es. Ein fescher Kerl, der Designeranzüge trägt. Er kauft seinen Geschmack nicht, er hat ihn und er fährt einen teuren Schlitten. Er muss eine Menge Geld haben. Das schmucke Haus, das Outfit. An Weihnachten steckt er mir immer einen Umschlag mit Geld zu. Von Postbote zu Postbote, sagt er dann und lacht. Es ist ein offenes, ein ehrliches Lachen. Ich glaube er ist ein Prima Kerl.
 
Er liebt Ordnung und Symmetrie. Die Art, wie er die Pflanzen gesetzt hat und wie er sie beschneidet verrät dies. Vielleicht ist er ein wenig zu penibel, ich bin mir da noch nicht so sicher. Er sucht die Klarheit im Leben. Improvisation ist nicht sein Ding. Vielleicht ist er deshalb auch mit ihr überfordert. Sie ist alles, was er nicht ist.
 
Ich habe gelesen, Menschen suchen in einer Beziehung die Ähnlichkeit zu sich selbst. Es fällt leichter, einen Partner kennen zu lernen, der ähnlich attraktiv ist, wie man selbst. Es sind die Übereinstimmungen im Gesicht. Zerschneidet man eine Fotografie zweier Partner und setzt eine Hälfte von ihm und ihr zusammen, so stimmen oftmals die Anschlüsse. Die Gesichter passen. Es ist, als ob unser Auge unseren Partner auswählt und nicht unser Herz. Doch ich habe noch mehr gelesen. Die Menschen müssen ihren Partner auch riechen können. Es gibt Wissenschaftler die sagen, unsere Nase sucht unseren Lebensgefährten aus. Tests, mit Kleidungsstücken, die Frauen oder Männer getragen haben, sollen dies beweisen. Man riecht an den Stoffen, findet unter all den Kleidungsstücken das eine, dessen Geruch am Sympathischsten ist. Dieser Partner ergänzt einen am Besten. Genkompatibilität, die über die Nase erschnüffelt wird.  
 
Sonderbar, dass auch hier unser Herz nichts zur Liebe beizutragen hat. Es scheint, dass es unserem Herzen egal ist, wen wir mögen. Jemandem von Herzen lieben. Ist das ein Trugschluss? Sind es diese Beziehungen, die auseinander brechen, in denen Menschen von Herzen lieben?  Vielleicht sollte man nie auf sein Herz hören, wenn man glücklich werden will.
 
Sie liebt ihn von Herzen. Vielleicht kann sie beweisen, dass auch ein Herz den richtigen Partner finden kann. Sie ist impulsiv, singt gerne. Wenn ich mich morgens ihrem Haus nähere, höre ich sie schon von weitem. Sie singt zur Musik ihrer Stereoanlage. Die Musik ist viel zu laut. Ich mag das nicht. Irgendwann werde ich ihr es sagen müssen. Auch ihre Musik ist nicht mein Geschmack. Schlechte Radiomusik von Berufsjugendlichen über fünfzig Jahre aufgelegt und anmoderiert. All das war schon alt, als ich jung war. Ich lehne das ab. Sie ist da anders. Sie ist impulsiv, lebt ihre gute Laune aus. Sie denkt sich nichts dabei, wenn sie die Musik aufdreht. Es ist ihr gleich was sie hört. Ihr geht es um Emotion. Nichts transportiert Emotionen mehr als Musik. Morgens mit einem Lied im Kopf aufwachen, es beim Frühstück singen und es den Tag über als Begleiter um sich haben. Ich kenne das, auch wenn es bei mir keine Radiomusik ist. Ich liebe klassische Musik.
 
Sie ist arbeitslos. Ab und an bringe ich ihr einen Brief von der Bundesagentur für Arbeit. Es belastet ihre Seele nicht. Sie braucht keinen Job, um gute Laune zu haben und es macht ihr auch nichts aus, was die Nachbarn denken. Den ganzen Sommer schon ist sie täglich im Garten. Sie kümmert sich nicht um die Pflanzen und den Rasen. Das ist ihr egal. Ich möchte nicht sagen, dass sie schlampig ist aber ein wenig nachlässig ist sie schon. So wie sie sich im Garten aufhält, sonnt sich dort. Sie hat eine prima Figur und sie zeigt sich auch gerne. Ich glaube es gefällt ihr, wenn ich einen Blick auf ihren Hintern zu erhaschen suche. Einem Mann zu gefallen ist ein Kompliment für eine Frau. Vielleicht fühlt sie sich dann besser. Vielleicht kompensiert sie damit ihre Arbeitslosigkeit. Attraktivität als Quelle für Selbstwertgefühl. Ja, ich glaube das ist es.
 
Sie wird irgendwo in der Nähe in ein Fitnessstudio gehen. Die Natur allein, lässt einen nicht so schön aussehen. Ich denke, ich kenne das Studio. Es ist nicht weit von hier. Es ist Teil meiner Strecke, die ich jeden Tag abarbeite. Ich muss zukünftig darauf achten, wenn ich ihre Post sortiere. Sicher ist irgendwann auch von ihrem Studio ein Brief dabei. Es ist es meine Pflicht über meine Kunden informiert zu sein. Sie sind meine Schutzbefohlenen. Ich passe auf sie auf, ich bin ihr Postbote.
 
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      300 Seiten
Verlag:           gesucht!
 
Schauergeschichten - Erzählungen
 
Liebe Sofie,
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      70 Seiten von 170 Seiten/
                      5 Erzählungen
Verlag:           gesucht!
 
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      21 Seiten von 170 Seiten/
                      5 Erzählungen
Verlag:           gesucht!
 
Schauergeschichten - Erzählungen
 
Antikörper
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      19 Seiten von 170 Seiten/
                      5 Erzählungen
Verlag:           gesucht!
 
Leseprobe:
Hunger
Die Finger sind verkrümmt. Die Nägel sind schwarz, die Knöchel verknotet. Der Mann vor mir ekelt mich an. Sein Bauch quillt unter der Tischkante hervor. Ein Stück stößt oberhalb der Holzplatte auf. Kein schöner Anblick. Ist es lebenswert, so zu sein? Soll ich ihn erlösen? Ich habe es schon mal getan. Oft. Ich weiss nicht mehr wie oft. Ich töte nicht gern, aber wenn, dann habe ich die Wahl. Kontrolle ist wichtig. Der Kopf muss klar bleiben. Immer. Es darf keine Rolle spielen, ob ich wütend, hungrig oder müde bin. Der Kopf muss immer klar bleiben.
 
Ich bin ein Junkie. Ist das ein Widerspruch?
 
Blut fasziniert mich. Ich bin sicher, dass es anderen auch so geht. Der Charakter einer Kultur wird durch ihren Sprachschatz widergespiegelt. „Blutbad.“ „Blutvergießen.“ „Durch Blut waten.“ Es ist eine gewalttätige Gesellschaft, in der wir leben, denn wir pflegen eine gewalttätige Sprache. Eskimos haben dutzende Worte für Schnee. Wir vergeuden nur wenige Worte dafür, wir konzentrieren uns aufs Töten. Das Töten ist Teil unserer Kultur. „Am Liebsten hätte ich ihn umgebracht.“ „Wenn Blicke töten könnten.“ „Ich bring dich um!“. Drohungen sitzen locker. Doch die meisten Menschen sind Maulhelden. Sie sind gross, wenn es ans Reden geht und ganz klein, wenn aus Sprache Handeln werden soll. Feiglinge eben. Der Tod ist ihnen gebräuchlich und doch so fern.
 
Soll ich ihn töten? Soll ich ihn erlösen? Er ist fett. Er wird nicht alt werden. Sein Herz wird früh versagen. Oder sein Kreislauf. Seine Knochen tragen sein Gewicht kaum. Seine Adern sind verstopft. Keine Bewegung, fettes Essen. Wie lange noch? Ein Jahr? Fünf? Ich könnte es in einer Minute tun. Es würde mir gut tun. Doch ich bin mir sicher, sein Blut ist vergiftet. Seine Fettleibigkeit lässt zu hohe Blutfette vermuten. Seine verformten Finger mit den geschwollen Gelenken deuten auf Gicht. Er wird viel Harnsäure im Blut haben.
 
Er schwitzt. Der linke Ärmel seines Hemdes auf Höhe des Unterarms ist feucht. Der Mann ist Linkshänder. Er wischt sich damit den Schweiß aus der Stirn. Das Hemd spannt über seinem Bauch, die Knöpfe halten das Ganze kaum zusammen. Der gespannte Stoff zwischen den Knöpfen gibt den Blick auf eine Fettfalte frei. Die Haut zwischen der Falte ist entzündet. Sein massiger Körper scheuert seine Epidermis wund. Es muss schmerzen, wenn er sich bewegt.
 
Das Gesicht des Mannes ist dunkel verfärbt. Schweiß perlt von seiner Glatze und versickert in den buschigen Augenbrauen. Ein Prachtkerl seiner Gattung. Warum sollte ich ihn erlösen?
 
Er erlöst sich selbst. Bald. Ob er es weiss? Ich kann förmlich in ihn hineinsehen, kann sehen, wie ein Organ nach dem anderen versagen wird. Ob es ihm bewusst ist, dass er schon tot ist?
 
Ein Puzzle. Menschen fügen es Stück für Stück zusammen. Aus Nichts entsteht ein Bild. Füllt das letzte Puzzlestück die letzte Lücke aus, ist das Bild fertig. Zum ersten Mal sieht man es zur Gänze vor sich. Das Leben dieses Mannes hingegen ist ein inverses Puzzle. Jeder Atemzug, der seine Lungen mit aggressivem Sauerstoff füllt und jeder Bissen, der seinen Schlund hinab wandert, bringen ihn ein Stück dem Tod näher. Ahnt er, wie sein fertiges Puzzle aussehen wird? Nimmt er seinen Tod als Teil des Lebens hin? Ist es ihm egal oder flüchtet er sich in einen selbst gebastelten Fatalismus. Irgendwann stirbt jeder an irgendwas. Wir er sich das sagen, wenn er das nächste Mal essen wird?
 
Soll ich ihn töten? Soll ich ihn erlösen? Oder soll ich seinen Laden verlassen? Mich umdrehen und einfach gehen. Was ist besser für mich, beginne ich mich zu fragen. Der Kerl widert mich an. Ich will ihn nicht haben und lasse ihn leben.
 
Einfach umdrehen und gehen. Nicht noch mehr Zeit verlieren. Ich versuche den Mann zu vergessen, als ich hinausgehe. Ich bin mir sicher, etwas Besseres finden. Irgendwann. Es eilt mir nicht.
 
Ich habe Glück. Drei junge Männer überqueren die Straße.
 
Es ist nicht nur das Geschick des Jägers, das zum Erfolg führt. Geduld und Glück sind ebenso wichtig. Geschick und Geduld kann man erlernen. Man kann sich zumindest darin verbessern. Das Glück ist trügerisch. Manche nennen es Glück, manche Zufall. Glück ist ein Geschenk, Zufall eine Laune des Lebens. Mir gefällt es, an das Glück zu glauben. Es schafft den Eindruck, als gebe es eine höhere Instanz. Ich finde das ist ein gutes Gefühl. Ich mag die Vorstellung, dass irgendjemand auf mich aufpasst, damit ich keinen Fehler begehe.
 
Ich folge den drei jungen Männern. Ohne Nachzudenken habe ich beschlossen, sie zu töten. Die drei sind in Eile. Sie haben mich entdeckt. Sie drehen sich um, gehen schneller.
 
Ich liebe die Jagd, sie amüsiert mich. Wann werden sie anfangen zu laufen?
 
Angst
Das Taxi hält. Wir haben Glück, denn die Gegend ist nicht sicher. Wenn die Dunkelheit kommt, haben die Taxifahrer Angst hier draußen. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen. Meinen Arm nach unten reißen und die Tür zu öffnen ist eins. Bruno springt als erster in den Wagen. Ich kann seine Furcht spüren. Es ist eine instinktive Furcht. Es gibt keinen Grund dafür. Wir sind drei, der Typ, der uns schon drei Blocks folgt ist allein. Doch irgendetwas an ihm, löst das Angstgefühl aus. In uns allen. Ein Blick in Mikes Gesicht. Ihm geht es ebenso. Ich steige als letzter ein und schlage die Tür zu. Gott, geht das nicht schneller?! Ich starre auf die Hand des Taxifahrers. Fahr los, Mann!, brülle ich ihn an. Er legt den Gang ein, der Wagen rollt los. Ich habe keinen Nerv, ihm ein Ziel zu nennen und starre aus dem Rückfenster. Mike und Bruno tun es mir gleich.
 
Die Umrisse des Typen wird kleiner. Er geht langsam hinter uns her. Was für ein Psycho, als wenn er uns ohne einen Wagen folgen könnte. Die Spannung fällt von uns allen ab. Wir sehen uns an, beginnen zu lachen.
 
Der Taxifahrer lässt keinen Blick von uns, will wissen, ob wir auf Drogen sind. Es ist nur unsere Körperchemie, die mit uns durchgeht. Bruno lacht, als ich das sage. Ich zeige nach hinten. Der Typ ist weg. Wir haben es geschafft. Unser Lachen wird hysterisch. Mike pisst sich in die Hose. Ein Fleck bildet sich auf der Rückbank und Bruno lacht wie ein Kind, als er es sieht. Lass uns raus! schnauze ich den Taxifahrer an und wir springen an der nächsten Ecke aus dem Wagen.
 
Mike ist sauer. Er spuckt Bruno an, weil der ihn Bettnässer schimpft. Idioten. Ich kaufe am Kiosk ein Erotikmagazin und gebe es Bruno. Soll er sich daran abreagieren. Der Besitzer schluckt seine Wut runter, als ich nicht bezahle. Drei gegen einen. Es ist anders als vorhin. Es ist für mich ein Leichtes den Mann einzuschüchtern. Was war vorhin nur los? Der Typ war kein Riese, er war kleiner als wir alle, hager. Nichts war an ihm dran. Nur diese Aura.
 
Welche Aura? Ich glaub ich dreh langsam ab.
 
Wir ziehen weiter. Ich bin froh, dass sich Mike und Bruno wieder vertragen. Sie giggeln, wie zwei Schulmädchen. Die Typen gehen mir auf den Sack. Vielleicht sollte ich sie loswerden. Aber wer hört dann auf das, was ich sage. Es ist cool der Boss zu sein, auch wenn nur die Loser einem folgen.
 
Bruno zuckt zusammen. Scheiße, was war das? Es sah aus wie ein Schatten, der über uns hinweg huschte. Bruno hat es auch gesehen. Mike lacht, und beginnt zu schreien. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Mike provoziert Bruno und in dem kocht die Wut wieder hoch.
 
Mike blutet sofort. Brunos Fingerknöchel sind rot. Ich sag es ja, Idioten. Wenigstens brüllt Mike nicht mehr rum. Ich lausche in die Dunkelheit. Es ist totenstill. Totenstill. Niemand ist auf der Strasse.
 
Ich kenne das Viertel. Ich habe hier früher gewohnt. Hier war abends Leben. Die Menschen kamen aus ihren Wohnungen. Besonders an so warmen Abenden wie heute. Jetzt ist es leer. Nicht ein Licht in einem der Häuser. Wo sind die Menschen hin?
 
Ich sehe zu Bruno, seine Wut wurde zu Angst. Irgendwas stimmt hier nicht. Mike errät, was wir denken. Seine blutende Lippe kümmert ihn nicht mehr. Mike springt auf und rennt davon. Was für ein Waschlappen. Bruno zuckt mit der Achsel. Lass uns abhauen, Mann. Bruno hat Recht. Wir gehen weiter. Wir gehen schneller, als man es an einem heißen Sommerabend je tun würde.
 
Es ist eine Sache, ein komisches Gefühl zu haben. Es ist eine ganz andere Sache, wenn sich das Gefühl als richtig erweist. Noch nie habe ich einen Mann so schreien hören. Es ist Mikes Stimme.
 
Man sollte glauben, Flucht sei ein Reflex. Ich weiss nicht warum, doch wir bewegen uns nicht. Bruno und ich stehen regungslos auf der Straße und lauschen in die Dunkelheit. Es dauert eine lange Minute, dann ist es wieder still. Ich sehe zu Bruno und erst jetzt setzt der Fluchtreflex ein. Wir rennen. Vor was wir davonlaufen wissen wir nicht.
 
Die Stille macht mir Angst. Ich höre Brunos Schritte schwerer werden und ich weiss, dass unsere Freundschaft nicht viel zählt. Ich lasse ihn zurück, als er strauchelt und fällt. Bruno liegt am Boden, er blutet und kann nicht mehr weiter. Ich sehe nicht einmal zurück. Ich will überleben.
 
Ich laufe und laufe. Es bleibt still. Ist es vorbei? Hab ich Glück gehabt? Lebt Bruno noch? Ich bin versucht, seinen Namen zu rufen, doch ich habe Angst, meinen Standort zu verraten. Dann finde ich Mike. Er hat zwei Löcher im Hals. Mike ist bleich, kalt und starr. Es war kein leichter Tod.
 
 
Schauergeschichten - Erzählungen
 
Ein Tag mit Papi
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      7 Seiten von 170 Seiten/
                      5 Erzählungen
Verlag:           gesucht!
 
Er ist ein guter Ehemann. Heute hat sie ihn endgültig verlassen. Das Warum wollte sie ihm erklären. Er kann es nicht verstehen. Ihn trifft keine Schuld. Er ist verzweifelt. Seinen Sohn will er nicht auch noch verlieren. Männer müssen zusammen halten. Das hat er auch seiner Frau gesagt. Eiskalt verließ sie das Café. Soll sie gehen. Er wird es auch weiterhin alleine schaffen. Er und sein Junge.
Er hat einen Plan. Es ist ein guter Plan. Soldaten haben immer Pläne. Heute ist er zum Soldaten geworden. Es ist Krieg. Sie gegen Ihn. Er hat eine Waffe. Sie fühlt sich gut an. Männer geben Waffen immer Frauennamen. Er hat darüber gelesen und er versteht es nicht. Frauen sind nicht zuverlässig. Er wird seiner Waffe keinen Namen geben. Sie heißt Waffe für ihn. Waffe ist vollkommen genug.
 
Der Kindergarten ist in Sichtweite. Durchladen und schießen. Es ist nicht schwer, wenn man nicht treffen will. Er will nicht treffen. Er will nur seinen Sohn. Holz splittert aus der Schaukel. Löcher höhlen die Plastikrutsche aus. Sand spritzt auf. Eine Waffe schafft Bewegung. Sie animiert tote Gegenstände. Waffen können eine Art Leben schaffen. Er versteht plötzlich und lädt nach. Die Waffe macht ihn zu Gott. Als Gott hat er keine Verwendung für Frauen. Er will nur seinen Sohn. Gottes Sohn.
 
Eine Waffe kann noch mehr. Sie kann Menschen zum laufen bringen. Sieh nur, wie die Gaffer rennen. Sie rennen um ihr Leben.
 
Man erwartet ihn bereits. Sie hat angerufen. Alle wissen nun, dass er den Jungen holen will. Seinen Jungen. Was sollte er also anderes tun, als schießen? Sie hätten Nein gesagt. Sie alle sagen Nein zu ihm. Menschen bringen ihm kein Glück. Er weiss das und deshalb schießt er. Er feuert auf seine inneren Dämonen. Sie sind alle da. Sie lauern, beobachten ihn, verhöhnen ihn. Sie sind Legion und dennoch kennt er sie alle. Sie begegnen ihm manchmal, wenn er auf Droge ist. Heute ist er auf Droge. Ein Junkie, eine Gefahr für sein Kind, ein Vater ohne Verantwortung. Das hat sie gesagt. Sie lügt. Er wird nie wieder einer Frau glauben. Überleben bedeutet dazu lernen oder untergehen. Er hat seine Lektion gelernt. Deshalb ist er hier. Er ist ein Überlebender. Er wird auch weiterhin überleben.
 
Die Dämonen machen ihm Angst. Ihre Fratzen sind verzerrt. Sie versuchen ihn zu greifen, rücken näher. Er zittert, doch die Waffe macht seine Hand ruhig. Der Terror der Dämonen frisst an ihm. Es ist ihm gleich. Er feuert seine Waffe ab.
 
Er hat bis jetzt nicht aufgehört.
 
Er reitet auf einer Welle. Er muss weiter surfen, muss in Bewegung bleiben. Die Chemikalien in seinem Körper drängen ihn dazu, weiter zu schießen, nachzuladen, weiter zu schießen, nachzuladen. Weiter, er muss immer weiter. Er muss es tun. Immer wenn er auf Droge ist, muss er etwas tun. Sonst wird er verrückt. Schießen ist gut. Er weiss, dass es ihm hilft. Es stabilisiert ihn.
 
Sie rufen ihm zu, er solle die Waffe fallen lassen. Er durchschaut sie. Warum sollte er sich von seinem einzigen Verbündeten trennen? Sie wollen ihn einlullen. Er lacht sie aus. Den Dämonen ins Gesicht lachen, ihnen zeigen, dass sie keine Macht über ihn haben. Aber sie haben Macht, Macht über Geräusche. Seine Ohren schmerzen. Alles ist so laut. Eine Sirene. Ihr Kreischen schwillt immer mehr an. Dann endlich sieht er sie. Das seltsam blaue Licht ist wunderschön, doch es schreit und schreit. Er wird dem Licht helfen. Er drückt ab und Stille kehrt ein. Er genießt den Erfolg. Seine Zuversicht steigt. Nun wird er seinen Jungen holen.
 
Die Dämonen haben Angst, ihre Waffen abzufeuern. Solange die Kinder bei ihm sind, werden sie es nicht wagen. Aber wie soll er seinen Sohn erkennen? Er hat ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Leise ruft er den Namen des Jungen. Keines der Kinder antwortet ihm. Ist sein Sohn nicht hier? Papa ist doch hier! Verzweiflung kriecht in ihm hoch. Lauter und lauter ruft er den Namen des Jungen.
 
Schweigen. Er packt die Kinder an den Schultern und schüttelt sie. Er schaut ihnen ins Gesicht, versucht etwas zu finden, an das er sich erinnert. Sie sind alle gleich. Alle sehen wie Engel aus. Kleine Engel ohne Flügel.
 
Er muss kichern. Engel ohne Flügel. Er wird sie beschützen vor den Dämonen, die draußen wüten und nach ihm rufen. Die Dämonen sollen endlich still sein. Seine Waffe wird dafür sorgen. Er schießt. Glas birst und eine der Stimmen draußen verstummt.
 
Er schließt die Augen, doch er kann sie nicht geschlossen halten. Es ist unmöglich. Seine Augen sind unstet, so wie sein Körper. Bewegung. Irgendetwas tun. Was soll er jetzt tun? Er ruft den Engeln zu, dass er sie beschützen werde, dass er sie vor den Dämonen, die auf sie lauern, retten wird. Er und die Engel werden den Kindergarten verlassen. Weggehen von diesem bösen Ort. Wohin das weiss er nicht. Ist es wichtig? Vielleicht.
 
Es war nie Teil seines Plans, zu überlegen, wohin er mit seinem Sohn gehen würde. Die Befreiung stand immer im Mittelpunkt seines Denkens. Das danach? Er weiss es nicht. Aber eines weiss er genau. Wenn er seinen Sohn nicht befreien kann, zumindest wird er die Engel retten. Er fragt sie, wohin er sie bringen soll. Die Engel wollen nach Hause. Es ist eine gute Wahl. Wer ein Zuhause hat, wer dort glücklich ist, der soll dorthin gehen. Geborgenheit. Umarmung. Lachen. Es ist ein guter Plan. Weitsichtiger als der seine.
 
Er führt die Engel nach draußen. Sofort spürt er ihre Angst vor den Dämonen. Er wird ihnen die Angst nehmen. Die Waffe wird es tun. Erneut drückt er ab. Die Engel schreien. Es müssen Freudenschreie sein, denn zwei der Dämonen fallen stumm in sich zusammen und lösen sich in einer Pfütze aus Blut auf. Er ist Gott. Er hat die Macht. Er wird die Kinder ins Licht führen.
 
Grell brennt die Sonne vom Himmel. Seine Augen schmerzen. Er schießt auf die Sonne, will sie zum erlöschen bringen. Sie verhöhnt ihn, scheint einfach weiter. Auch die Engel mögen die Sonne nicht. Warum würden sie sonst davon laufen? Sie lassen ihn stehen.
 
Er hat sie gerettet. Stolz breitet sich in seiner Brust aus. Er sieht den laufenden Engeln nach. Die Sonne blendet ihn. Bestimmt sind sie schon bei ihren Familien. Eltern, die ihre kleinen Engel so lieben, wie er seinen Sohn liebt.
 
Allein steht er den Dämonen gegenüber. Sie brüllen ihn an. Sollen sie doch. Er hält noch immer die Waffe. Dann rennt er auf sie zu. Schüsse. Der Körper eines Dämons tanzt einen grotesk ungelenken Kampf, dann stürzt er zu Boden.
 
Er läuft weiter. Haken schlagen wie ein Hase, Deckung suchen, nachladen, feuern. Er ist ein guter Soldat geworden. Seine Schüsse vermischen sich mit den Schüssen der Dämonen, als er an ihnen vorbei rennt.
 
Kälte strömt in seinen Körper. Seine Bewegungen werden langsamer. Er kann nicht mehr atmen. Eine nach Eisen schmeckende Flüssigkeit rinnt aus seinem Mund. Er versteht es nicht. Was ist los mit ihm? Seine Beine werden langsamer, doch sie tragen ihn weiter, als wäre er ein Automat. Weg von den Dämonen. Dann bricht er zusammen, als ein riesiger metallener Körper ihn mitreißt und über die Straße schleift. Bremsen quietschen.
 
Sein Körper ist zerstört.
 
Mein Körper ist zerstört!
 
Hab keine Angst. Reite die Welle. Gib nicht nach. Ignoriere den Schmerz. Gib nicht auf. Gut so. Weiter. Ich kann sie noch immer verletzen, muss sie verletzten. Sie und die Dämonen. Es ist ihre Schuld. Bin nicht besiegt. Kann nicht denken. So sprunghaft. Immer in Bewegung. Kann mich nicht konzentrieren. Was soll ich tun? Ich muss etwas tun. Kann mich nicht bewegen. Mein Körper wird taub. Ich sehe meine Beine nicht. Alles so kalt. Keine Schmerzen. Ich höre sie kommen. Kann nicht fokussieren. Alles wird rot. Schemen überall. Ihre Stimmen werden leiser. Alles rauscht. Sind es die Dämonen? Sind sie es? Verloren. Es ist alles verloren. Ich will nicht sterben. Muss leben, für meinen Sohn.
 
Sie weiss, dass es eine synthetische Droge war. Mehr weiss sie nicht. Ein wenig Blut wird ausreichen, um die Welle, die er geritten hat zu bestimmen. Sie nickt und meidet den Blick des Polizisten. Sie kann nicht weinen. Er hat ihr nichts mehr bedeutet. Sie sieht auf den Kindergarten, betrachtet den von Kugeln zerstörten Spielplatz. Sie kennt die Kinder dort nicht, denn sie ist zum ersten Mal hier.
 
Erleichtert atmet sie auf, als sie hört, dass kein Kind verletzt wurde. Sie denkt an ihren Sohn, der täglich in einem Kindergarten nicht weit von hier spielt. Sie wird ihm nichts über den Vorfall erzählen. Es ist besser so. Er kannte seinen Vater nicht. Er wird ihn nie kennen lernen. Er soll nie etwas über ihn erfahren. Sie will es so. Es ist das Beste für ihren Jungen.
 
Schauergeschichten -
Erzählungen
 
Ode an Olimpia
frei nach E.T.A Hoffmann:
Der Sandmann
 
Autor:            Michael Mikolajczak
                     info@log-buch.eu
                      52 Seiten von 170 Seiten/
                      5 Erzählungen
Verlag:           gesucht!
 
Leseprobe:
Kainsmal
Ihr Wuchs ist regelmäßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr!  Sie könnte für schön gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen. Nur mir ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und Gedanken. Nur in Olimpias Liebe finde ich mich selbst wieder.
 
Ich besuche sie oft. Ich entfliehe der Liebe meiner Clara, stehle mich aus der Wohnung und steige hinab in den Keller. Dort habe ich einen Verschlag aus Holz, wie er jedem Mieter zusteht. Doch mein Keller verbirgt ein Geheimnis, denn ich beherberge darin einen Gast. Eine Frau, meine Olimpia, wartet dort auf mich. Die Sehnsucht nagt an ihr, wie sie an mir nagt und ich versuche sie so oft zu besuchen, wie es mir möglich ist. Doch ich darf keinen Verdacht erwecken.
 
Mühsam ringe ich meine Erregung nieder. Es gelingt mir nicht. Ich werde unruhig. Unter dem Vorwand Getränke zu holen, verlasse ich die Wohnung. Clara sieht mir nach, es ist ein Blick, den ich lange zuvor schon zu deuten gelernt habe. Ich weiss, was Clara in diesem Moment denkt. ich kenne ihren Verstand, er ist hell und wach. Es bekümmert mich, wenn ich Clara denken sehe und weiss, dass sie über mich brütet. Doch ich habe keine andere Wahl. Olimpia wartet.
 
Einen letzten Blick werfe ich Clara zu, als ich die Türe schließe und während ich in den Keller hinabsteige, male ich mir aus, was in ihrem Kopf nun vor sich gehen mag. Sie traut mir nicht. Sie wird sich fragen, welche Macht mich abends immer und immer wieder in den Keller zieht. Es nagt an ihr, weil sie es nicht weiss. Sie will es wissen und sie will es doch nicht. Wissen ist Macht, so heißt ein Sprichwort aber das stimmt nicht. Wissen macht Angst. Clara fürchtet die Antwort, während sie sich fragt, welche dunkle Macht in meinem Inneren tobt und mich zu verderben strebt.
 
Es gibt diese Macht, Clara. Seit Anbeginn des Menschen. Sie heißt Begierde. Das ist der Name, den ich ihr gegeben habe. Aber davon verstehst du nichts. Nicht heute, nicht am Anfang unserer Ehe und nicht davor. Du wirst es nie verstehen.
 
Langsam gehe ich die Stufen hinab. Das Geländer mag ich nicht berühren. Seit ich gesehen habe, dass er es berührt, ekelt es mich. Nur einen flüchtigen Moment stelle ich mir seine verkrümmten, haarigen Klauen vor. Wie kann ein Mensch nur solche Hände haben. Er ist mehr Tier als Mensch. Er ist der Sandmann.
 
Es ist seltsam, als ich ein Junge war, fürchtete ich mich bereits vor ihm. Ich kannte ihn damals noch nicht, hatte ihn nie zu Gesicht bekommen und doch war ich von Schrecken durchdrungen. Grässlich malte ich mir das Bild des grausamen Sandmanns aus. So wie er abends die Treppe herauf polterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Tränen her gestotterten Ruf: „der Sandmann! Der Sandmann!“ konnte die Mutter aus mir herausbringen. Für die Mutter war der Sandmann ein kleiner freundlicher Gesell, der im Mond wohnte und wenn es dunkel wird zu den Kindern der Welt hinabsteigt. „Er bringt euch schöne Träume“, sagte meine Mutter immer. Aber ich wusste es besser, ich kannte den Sandmann aus unzähligen angstvollen Nächten. Der Sandmann. Ein böser Mann, der zu den Kindern kommt, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen. Er wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen. Ich war mir sicher und ich bin es auch heute noch, dass er die Augen in einen Sack wirft und zum Mond bringt, wo er sie an seine Kinder verfüttert. Die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkinderlein Augen auf.
 
Ich ertappe mich, wie ich auf der Treppe verharre und das vom Sandmann entweihte Geländer anstarre. Es macht mich wütend, denn der Sandmann hat noch immer Macht über meine Angst und nur schwer gelingt es mir, diesen alten Mann aus meinen Gedanken zu verjagen. Dann bemerke ich die Dunkelheit um mich herum. Das Licht des Treppenhauses ist erloschen, ohne dass ich es bemerkt hätte. Meine Hand tastet nach dem Lichtschalter. Versehentlich berührt sie das Geländer und schnellt wie eine Schlange zurück. Sorgfältig wische ich jeden einzelnen Finger an meinem Hemd ab.
 
Es ist totenstill. Die Lautlosigkeit erschreckt mich, doch dann gewinnt mein Verstand die Oberhand über meine Furcht. Die Stille birgt die Gewissheit, alleine zu sein. Wäre der Sandmann hier, könnte ich ihn den Atem aus seinen Lungen pressen hören, ich würde das Rascheln seiner Kleidung hören und das Knacken der Knochen, die sich langsam die Treppe hinab tasten.
 
Ich mache mir Mut und rufe laut. „Nun Kinder zu Bette zu Bette der Sandmann kommt, ich merk es schon“. Ich muss kichern, kann nicht dagegen an. Was soll’s. Ich bin allein hier. Und dennoch. Das ganze Haus ist von der Präsenz des Sandmanns durchdrungen. Die Wände atmen seinen Duft aus. Coppelius kann Entsetzliches wirken, er ist wie eine teuflische Macht aber nur dann, wenn ich ihn nicht aus Sinn und Gedanken verbanne. Ich will ihn verbannen. Gleich jetzt.
 
Erneut dringt ein Kichern aus meiner Kehle. Unbemerkt von meinem Verstand stiehlt es sich davon. Dann umflutet mich Helligkeit und erleichtert lache ich los. Das Licht hat ihn vertrieben. Ich habe Coppelius aus meinem Kopf verbannt. Er ist weg.
 
Der Schall meines Gelächters prallt von den Wänden des Treppenhauses auf mich zurück. Es ist mir unangenehm. Ich ärgere mich, die Kontrolle über meinen Körper verloren zu haben. Es passiert so oft. Es darf aber nicht passieren. Zu oft treibt es meine Emotionen an die Oberfläche. Wäre ich nur ein wenig wie Clara. Sie ist immer beherrscht, so nüchtern.
 
Es wird mir nichts anders übrig bleiben, als eine Geschichte zu erfinden, mit der ich Clara bei meiner Rückkehr erklären kann, warum ich die Stille des Hauses entweiht habe. Stille ist so wichtig für sie. Stille ist für Clara der Beweis von Selbstbeherrschung und Selbstbeherrschung ist eine hehre Tugend. Ja, das predigt sie gerne. Sie ist so bestimmt und bestimmend, so kalt und gefühllos. Meine Clara, was ist sie doch für eine bemerkenswerte Frau.
 
Clara ist es, die ich mit dem Kopf bewundere. Doch mein Herzschlag beschleunigt sich nicht, wenn ich an ihren Körper denke.
 
Es zieht mich zu Olimpia.
 
Ich werde aufpassen müssen, dass sie mich nicht durchschaut. Ich darf Claras Phantasie nicht füttern. Doch es ist falsch, jetzt an meine Frau zu denken. Es kann alles kaputt machen. „Weg, weg aus meinem Schädel!“
 
Endlich erreiche ich den Keller. Spinnweben hängen an Mauern und Wänden. Wie viele der Tiere werden hier leben und meiner Olimpia Gesellschaft leisten? Achtbeinige Krabbeltiere. Warum acht Beine? Wo liegt der Sinn? Insekten haben sechs davon, Spinnen zwei Weitere. Warum? Ist die Natur nicht voller Wunder? Man sollte nicht versuchen sie zu verstehen. Sollte Clara jemals die Wahrheit erfahren, werde ich ihr genau dies erklären. Die Natur, das nicht zu ergründende Mysterium. Ich kann mich meiner Natur nicht entziehen. Ich liebe eine andere. Davon werde ich berichten und hoffe zugleich, dass ich es nie aussprechen muss.
 
Wut steigt in mir auf. Schon wieder habe ich an Clara gedacht. Wie kann ich Olimpia dies antun? Wie kann ich in ihrer Nähe nur an eine andere Frau denken! Ich schäme mich und stelle mir vor, wie Olimpia auf meine Gedanken reagieren würde, würde sie sie kennen. Ich frage mich, wie ich mich verhalten würde, sollte sich Olimpia in Gedanken einem anderen Mann zuwenden. Einem Inkubus, der sie unbemerkt in meinem Keller heimsucht, der sie beschläft, sobald ich abwesend bin. Wut verdrängt meine Begierde. Ich starre den Gang hinab, sehe zu dem Kellerverschlag in dem Olimpia auf mich wartet. Meine negative Leidenschaft. Ich muss sie abebben lassen, warten, bis der Zorn verrauscht. So kann ich meiner reinen Olimpia nicht entgegen treten.
 
Mein Faust schlägt gegen einen Keller. Ohne nachzudenken, rammt sie sich in das Holz des Verschlags. Ich spüre einen Holzsplitter, der sich in meine Knöchel bohrt. Es schmerzt und blutet ein wenig. Der Schmerz obsiegt über die Wut. Ich habe meine negative Emotion besiegt. Clara wäre stolz auf mich, denn Selbstbeherrschung durchflutet mich nun. „Schon wieder Clara! Weg mit ihr! Weg!“ rufe ich mir zu.
 
Es ist seltsam, dass es der Kellerverschlag des Coppelius ist, den ich unbewusst ausgewählt habe. Ist es der Versuch mich von seiner Macht zu befreien? Soll es ihm zeigen, dass ich ihn nicht mehr fürchte, nun da ich ein Mann bin? Ich weiss es nicht. Mein Blick dringt durch die Holzlatten ins Innere. Der Keller ist sorgsam aufgeräumt. Allerlei seltsames Gerät steht umher. Auch ein Teleskop erblickte ich. Beobachtet er dadurch seine Kinder auf dem Mond? Sieht er ihnen beim Fressen zu, wenn sie mit ihren Schnäbeln die Augen der Menschenkinder verschlingen?
 
Der Sandmann! Clara! Der Inkubus! Sie alle beherrschen meine Gedanken. „Weg, weg mit euch!“ rufe ich laut, um sie zu verscheuchen. Ich schüttle meinen Kopf, versuche die bösen Gedanken aus allen Öffnungen meines Schädels heraus zu schütteln. Ich darf nicht zulassen, dass sie meine reine Liebe für Olimpia beschmutzen. Ich muss die Kontrolle zurückgewinnen. Schmerz. Ich suche den reinigenden Schmerz und schlage erneut gegen Coppelius Holzgatter. Sofort fühle ich Läuterung. Ich fühle mich frei und bin nun bereit, Olimpia zu sehen. Gesühnt sind meine schlechten Gedanken. Es ist mir endlich erlaubt, den Kellerverschlag zu betreten und meiner Liebsten entgegenzutreten.  
 
€ 7,95
Roman
FredeboldundFischer
ISBN 978-3-939674-10-8
 
Synopsis:
Stuttgart 1659. CONSTANCE ist 16-Jahre alt, als ihre Eltern sterben und sie von ihrem Bruder JERG (20) vergewaltigt wird. Constance wird schwanger. Jerg fürchtet das Gerede, will das Kind nicht und verkauft es nach der heimlichen Geburt an einen fahrenden Händler. Constance folgt dessen Spuren, die führen sie in die Reichsstadt Esslingen. Dort lebt ihr Baby TOBIAS als Kind von MARIA und ULF. Constance stellt sich in deren Haus als Amme vor und bekommt die Stelle. Mit Maria verbindet Constance eine tiefe Freundschaft, die endet, als Maria bei einem Unfall stirbt. Ulf bittet Constance im Hause zu bleiben und seinen Sohn aufzuziehen und nach beendeter Trauer hält er um Constances Hand an. Constance lehnt erst ab, denn sie hat sich in den Weingärtner SIMON verliebt, doch dann denkt sie um. Durch eine Ehe mit Ulf wird sie immer bei Tobias sein können.
 
DANIEL HAUFF, der Hexenjäger von Esslingen (Historische Figur) klopft in der Hochzeitsnacht mit seinen Soldaten an Ulfs Tür. Eine Frau hat Constance als Hexe beschuldigt. Ulf hält die Soldaten auf und wird dafür getötet. Constance und Tobias hingegen gelingt die Flucht zu Simon, der bringt Mutter und Kind zu seinem Bruder FINN, einem Köhler, in den Wald. Doch Simon kann nicht bei Constance bleiben, denn sein Vater ist alt und krank. Simon kehrt in die Stadt zurück. Finn hingegen hofft auf eine Beziehung und schickt sie und Tobias weg, weil sie sich Finn verweigert. Eine ALTE HEILERIN nimmt Constance auf und lehrt ihr ihr Wissen.
 
Simon sucht und findet Constance, sie schlafen miteinander, dann kehrt Simon zum kranken Vater zurück. Constance wird schwanger. Kurz vor der Niederkunft wird sie von Hauffs Soldaten gefasst, doch Constance gelingt die Flucht. Der Preis ist hoch, sie verliert ihr ungeborenes Baby. Zusammen mit ihrem Sohn zieht sie weiter in die Reichsstadt Reutlingen. Auch hier toben die Hexenprozesse. Constance findet eine Anstellung bei JOHANN PHILLIP LAUBENBERGER (historische Figur) und erfährt, dass Laubenberger der Hexenjäger von Reutlingen ist und Constance liebt.
 
Auch Laubenberger erfährt die Wahrheit über Constance, er lässt sie als Hexe verhaften und verurteilen, doch vor der Hinrichtung gelingt Constance die Flucht. Laubenberger glaubt dies sei ein göttliches Zeichen und beendet die Hexenverfolgungen in Reutlingen (authentisch).
 
Constance kehrt zu Simon zurück und erfährt, dass Daniel Hauff tot und die Hexenjagd beendet ist (historisch). Kurze Tage des Glücks folgen für Constance, dann wendet sich Constances Leben erneut ...
 
 
 
 
Synopsis:
Die Kunst und der Tod:
Die Künstler des Wiener Aktionismus töten Tiere in öffentlichen Schlachtungen vor Publikum Rudolph Schwarzkogler inszeniert seinen eigenen Tod. Jan Fabre fertigt Skulpturen aus toten Käfern und bildet aus den Tieren Gegenstände wie z.B. Kleider und Rüstungen, die in den großen Museen der Welt zu sehen sind. Die Ausstellung „Körperwelten“ zeigt präparierte Menschenleichen, Muskeln und Knochen freigelegt und in Spannungshaltung ihre Haut über dem Arm tragend. Ein Welterfolg.
 
Mein Romanmanuskript ENGEL erzählt über einen fiktiven Künstler und den Tod in der Kunst.
 
Engel:
Vincent ist anders, als die Kinder in seiner Straße. Der zehnjährige Junge ist arm, verwahrlost, zieht sich meist in sich zurück, doch ab und an explodiert er in Gewalt. Vincent ist ein Außenseiter und die Kinder in der Schule fürchten ihn. Wenn Vincent zuschlägt, eifert er seinem Vater nach, einem Alkoholiker, arbeitslos und stets gewaltbereit. Des Vaters Schläge treffen Vincent oder seine Mutter. Die Mutter flüchtet sich mit fanatischem Eifer in den Glauben an Gott und so entfremdet sich Vincent auch von ihr, denn an eine Entschädigung für irdisches Leid im Himmelreich mag er nicht glauben. Dann denkt Vincent um: sein Haustier stirbt. Das Tier war der einzige Freund des Jungen und nichts wünscht er sich mehr, als die Rückkehr des Freundes. Vincent weiss, dass Jesus von den Toten auferstand und er beginnt für sein Tier zu beten. Vergebens. Es zerfällt, bis nur noch Knochen übrig sind. Vincent wird zum Protokollant des Verfalls. Er zeichnet täglich das Tier, das er in einer Schuhschachtel lagert. Im Zeichnen liegt das große Talent des Jungen. Ein Talent, das auch in der Schule erkannt und gefördert wird. Mit achtzehn Jahren und einem perfektem Abitur in der Tasche, verlässt Vincent die Schule und bewirbt sich in der Kunstakademie. Die Tage des Wartens auf die Zulassung verbringt er auf dem Bau und verdient Geld für ein Leben fern der Eltern. Ein eigenes Zimmer und das Studium folgen und wieder wird Vincent zu einem Außenseiter. Sein Talent ist größer, als das der Kommilitonen und auch sein Hang zu morbider Kunst unterscheidet ihn. Beides bringt ihm eine Galerievertretung und ein Atelier ein. Vincent besorgt sich Knochen, um Totes wieder zum Leben zu erwecken, baut aus den Knochen Plastiken von Engeln, doch es ist schwer, geeignetes Material zu finden. Vincent nimmt einen Job im Schlachthof an und zerbricht fast daran, denn viele seiner Kollegen sind Tierquäler. Sie lassen sich bei der Beschaffung von Knochen bezahlen, werden zu Vincents Dealer. Seine Seele nimmt Schaden daran und schließlich flieht er aus dem Schlachthof. Sein Weg führt ihn zu einem Tierheim, das Tierkadaver annimmt und entsorgt. Vincent wird zum Einbrecher und Dieb. Die Kunst treibt ihn an, die Beute sind Knochen, der Lohn die Plastik. Getrieben schafft Vincent Engel um Engel, Cherubim und Seraphim. Dem Tod in der Kunst folgt der Tod im Leben. Vincents Mutter stirbt und er begräbt sie. Vincent beginnt nachts von der Mutter zu träumen und erkennt, dass sie ihm den Weg zu Neuem weist. Ein Engel aus Menschenknochen will er bauen und exhumiert die Mutter dafür. Aus Vergangenem formt er Neues, baut um die Knochen das Gesicht und den Körper seiner Traumfrau und so entsteht ein Engel, in den sich Vincent verliebt. Es bleibt eine unerfüllte Liebe, bis er eines Nachts in den Straßen der Stadt eine Frau sieht, ein Ebenbild seines Engels. Die junge Frau ist drogenabhängig und verkauft ihren Körper an die Freier der Nacht. Vincent beobachtet sie oft, dann will er sich ihr vor ihrer Wohnung offenbaren. Vincent findet keine Worte. Die Frau flieht in Angst und bleibt für Vincent verschwunden. Er sucht sie, Tag und Nacht, Monat um Monat. Mit der Windrichtung lässt sich Vincent durch die Stadt treiben, immer auf der Suche und schließlich hat er Erfolg. Er findet seinen Engel wieder und nimmt die Frau mit sich. Aus einer Nutte wird eine Gefangene, aus einer Gefangenen eine Frau, die im kalten Entzug ihre Sucht besiegt. Vincent gelingt es, ihre Liebe zu gewinnen. Er fühlt sich erlöst, der Zwang, aus Totem Neues zu schaffen ist vorüber. Seinen Engel auf Erden hat Vincent gefunden, weitere Engel zu schaffen ist nun ohne Interesse. Vincent fühlt sich am Ziel und er verlässt mit seinem Engel die Stadt.
 
 
 
Pitch:
PEIN hat seine Frau Anna verloren und fürchtet nun auch noch die Erinnerung an sie zu verlieren. Er versucht nachzuleben und nachzuempfinden, was damals mit ihm und seiner Frau geschah. Doch PEIN kann nicht mehr zwischen Vergangenheit, Realität und Einbildung unterscheiden.
 
PEIN erzählt einen Monolog über Liebe, Triebhaftigkeit, Verrat, seelischer und körperlicher Verletzung, Trennung, Verzweiflung und Flucht in die Schizophrenie. Nur in seiner seelisch zerrütteten Gedankenwelt kann PEIN hoffen, Liebe und verlorenes Glück wieder zu finden.
 
 
 
Pitch:
LIEBE SOFIE erzählt die Geschichte eines Postboten, der die Briefe, die er austrägt, zuvor liest. Er manipuliert diese Briefe und hofft damit, dass Leben der Empfänger der Brief zu verbessern. Er ahnt nicht, genau das Gegenteil zu bewirken.
 
 
 
Pitch:
ANTIKÖRPER erzählt die Geschichte eines Vampirs, der lieber durstet, als das durch schlechte Ernährung und Krankheiten degenerierte Blut der Menschen zu trinken. Eine Vampir-Junkie-Geschichte.
 
 
 
 
 
Pitch:
EIN TAG MIT PAPI erzählt über einen Junkie, der in einen Kindergarten eindringt, dort hofft seinen Sohn zu finden und Amok läuft.
 
 
 
 
 
Pitch:
ODE AN OLIMPIA führt den „Sandmann“ von E.T.A Hoffmann fort. Es ist eine Geistergeschichte, die in den Köpfen zweier Männer spukt, die einander fürchten uns sich schließlich auf der Treppe eines Mietshauses gegenüberstehen.
 
 
 
 
 
Synopsis:
Eine Großstadt der Gegensätze, reich und arm. Eine Hitzewelle tobt durch die Stadt, in der sich die Müllabfuhr im Streik befindet. Die Stadt stinkt, die Menschen leiden, die allgegenwärtige Hitze treibt sie nachts auf die Straßen. Dort beginnt ein Killer zu wüten: BRUTUS.
 
Brutus ist ein Obdachloser. Menschen wie ihn, bestraft die Gesellschaft mit Ignoranz, denn ein jeder schaut zu Seite, sobald er einen Penner erblickt. Brutus wird zu einem Unsichtbarem, er ersticht blonde Frauen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Nur im Augenblick ihres Todes nehmen sie Brutus als Menschen und Mann wahr. Brutus Jagdrevier sind die Parks in Nähe der U-Bahn-Stationen der Stadt. Durch seine Morde wird der Serienkiller zum Medienstar. Seine Morde sind Gegenstand von Talk Shows und füllen die Seiten der Presse.
 
Die Polizisten PATRICK und ARKADY jagen Brutus. Patrick hält Arkady für Brutus, da Arkady ein zügelloser Frauenhasser und Zyniker ist und die Ermittlungen im Mordfall verschleppt. Patrick will Arkady überführen und stellt ihm mit Hilfe seiner Freundin MILLA eine Falle. Milla spielt den Lockvogel, doch nicht Arkady, sondern Brutus nimmt die Beute in Empfang. Er attackiert Milla mit seinem Messer, wird von Patrick überrascht und flieht. Patrick verfolgt Brutus nach der Tat durch einen U-Bahn-Tunnel. Auf der Flucht verliert der Killer sein Messer und Patrick findet die Waffe. Ihm ist klar, dass Brutus weiter morden und sich ein neues Messer besorgen wird.
 
Schwer verletzt wird Milla in eine Klinik gebracht. Patrick leidet unter seiner Schuld, Milla der Gefahr durch den Killer ausgesetzt zu haben und schwört Brutus Rache. Patrick macht es sich zur Lebensaufgabe, den Frauenmörder zu finden.
 
Arkady akzeptiert die emotionale Verwicklung Patricks und nun ist er bereit, dem jungen Kollegen bei der Jagd nach Brutus zu helfen. Erneut stellen sie dem Killer eine Falle, doch die schnappt nicht zu, denn Brutus wird ein Opfer seiner Triebe.
 
Unbewaffnet folgt Brutus einer blonden Frau in die U-Bahn. Er verliert am Gleis das Gleichgewicht und stürzt vor einen Zug. Unerkannt wird der schwer verletzte Brutus in eine Klinik gebracht.
 
Patrick besucht voller Sorge und Schuld Milla. Er sieht den, in der Intensivstation neben Milla liegenden Brutus, erkennt ihn nicht als Subjekt seiner Rache und schenkt ihm keine Beachtung. Patrick ahnt nicht, dass der von ihm gesuchte Mörder in Zimmer neben Milla liegt. Dort erliegt Brutus unerkannt seinen Verletzungen.
 
HELEN liebt IAKUB, der sich nicht von seiner Frau ANNE trennen kann. Helen ist nicht länger bereit, nur die Geliebte von Iakub zu sein. Sie will den jungen Galeristen für sich. Doch Iakub ist finanziell von Anne abhängig. Er will weder Annes Geld, noch Helen verlieren. Iakub ist in sich gelähmt, fürchtet sich vor der Entscheidung.
 
Helen kämpft um Iakub und fasst einen Entschluss. Sie übernimmt die Rolle von Brutus, beschafft sich ein Messer und tötet Anne nach der öffentlich diskutierten Vorgehensweise des Killers.
 
Patrick erkennt in Helens Mord Brutus Handschrift. Er ist sich sicher, dass Brutus mit einem neuen Messer erneut gemordet hat, um seinem zwanghaften Drang zu töten ausleben zu können.
 
Über Helens Opfer lernt Patrick Iakub kennen, der in das psychologische Profil des Killers passt, sich in Widersprüche verwickelt und kein Alibi besitzt und als eine Zeugin aussagt, Iakub in einer der Mordnächte gesehen zu haben, will Patrick glauben, dass Iakub der Killer ist. Er verhaftet den Galeristen, schlägt ihn beim Verhör, in der vergeblichen Hoffnung, ein Geständnis zu erlangen.
 
Helen erfährt von Iakubs Verhaftung. Sie erkennt, dass sie umsonst gemordet hat, wenn Iakub verurteilt wird und sie beschließt, ein weiteres Mal zu töten, um Iakubs Unschuld zu beweisen. Helen sucht sich ein Zufallsopfer und tötet die Frau mit demselben Messer, mit dem sie auch Anne tötete.
 
Helens Tat beweist die Unschuld des verhafteten Iakub. Patrick muss Iakubs Unschuld anerkennen und Iakub kommt frei. Doch Iakub errät, dass Helen Anne getötet hat und seine Liebe zu Helen erstirbt. Die Basis der gemeinsamen Gefühle ist zerstört. Iakub kann keine Mörderin lieben und verlässt Helen.
 
Helen ist geschockt. Sie glaubt ihre Liebe von Iakub verraten und tötet Iakub im Affekt. Helen überfährt Iakub und wählt danach den Freitod. Helen hat alles verloren. Sie rast in ihrem Wagen gegen einen Baum und stirbt.
 
Patrick nimmt die Suche nach Brutus wieder auf, er ahnt nicht, dass die Jagd längst zu Ende ist und der Killer anonym verstarb.
 
 
 
 
 
Synopsis:
Stutengarten - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2008. Dies sind die Abenteuer des römisch-schwäbischen Detektivs Vitello Tonnato, der mit seinem fünf jährigen Sohn Little Italy unendlich viele Forstsetzungsgeschichten lang unterwegs ist, um neue Kriminalfälle  zu entdecken, Lachmuskeln zu strapazieren und übelste Schandtaten aufzuklären. Nur wenige Kilometer von der Hängematte in seinem Büro entfernt, dringt Vitello Tonnato in Kriminalfälle vor, über die nie ein Mensch zuvor gelesen hat.
 
Vitello Tonnatos erster Fall führt den Leser zu Gérard Départ-Dieu, einen französischen Baguette-Tycoon und zu dessen schöner und geheimnisvoller Gattin Saphir Schön. Die Ehe kriselt und Untreue mündet in einen Mord. Weitsichtig versucht Vitello Tonnato die schreckliche Tat aufzuklären und nun gerät sein Leben in Gefahr, denn auch die chinesischen Tiraden um Soaking Wet und dessen  Meistermeuchelmörderin Hot Wok scheinen in den Fall verwickelt zu sein. Doch Vitello Tonnato ist nicht allein in seinem Kampf gegen das Böse. An seiner Seite weiß er seinen kleinen Sohn Little Italy und Hauptkommissar Pienzle, der berühmteste Trollingertrinker und Tatortbesucher der Stadt Stutengarten sowie Horatio Kain, einen rothaarigen Pozieleilaboranten. Zusammen kämpfen die vier unermüdlich für Gerechtigkeit in der schwäbischen Idylle, die sich mehr und mehr als Sumpf des Verbrechens erweist.
 
Tränen werden fließen, Tränen des Lachens. Halten sie Taschentücher bereit und machen Sie Tempo, denn nun heißt es: Vorhang auf für Vitello Tonnatos ersten kriminalistischen Zungenschnalzer! Das Herz ist eine Mördergrube!
 
„Venedig. Commissario Brunello heimlich beim Lesen erwischt!“
Esweer- Das Radio fürs Schwabenländle
 
„Raymond Chandler hätte sich im Grabe umgedreht – vor Lachen.
Lachen auch Sie sich ins Grab.“
Stutengärtner Zeitung
 
 
Synopsis:
Der WEIHNACHTSMANN ist es leid, dass die Weihnacht nur noch als kommerzieller Rummel missbraucht wird und er beschließt, Weihnachten zu reformieren. Die Mittel der Reformation sind Mord und Totschlag. Mit Hilfe seiner Adjutanten, den SIEBEN ZWERGEN, dezimiert der Weihnachtsmann die geld- und geschenkegierigen Kinder und Teenager, die skrupellos ihre Eltern zur finanziellen Ader lassen und horrende Wünsche an ihre Erzeuger und den Weihnachtsmann stellen. Doch ein JUNGE entgeht der Bluttat. Der Weihnachtsmann und seine Schergen versuchen seiner habhaft zu werden, doch mit der Tücke eines durchtriebenen Teenies und dem Glück des Tüchtigen, gelingt es dem Jungen sich seiner Häscher immer wieder zu entziehen und sie einen nach dem anderen auszuschalten. Schließlich kommt es zum Show Down am Nordpol, als sich die Wege des Weihnachtsmannes und des Jungen kreuzen. Blut wird fließen, Blut zur Weihnacht.
 
Ein Buch für Weihnachtsmuffel, für Monty Python Fans, Titanic Leser, Southpark Seher und für viele mehr…